Queer sein

Als sich mir eine geliebte Person geoutet hat, habe ich nur gesagt, dass ich es bereits wusste. Schließlich hatte sie auf ihrem Regal DVDs mit Queer As Folk, einer bahnbrechenden LGBT+ TV-Serie zu der Zeit, also war für mich alles klar. Klingt lustig, aber so war es wirklich. Ich kenne das Thema also nicht erst seit gestern und außerdem mag ich es sehr, also dachte ich mir, warum nicht ein paar Zeilen darüber schreiben.

Dazu kommt dass es Juni ist, also Pride Month, der Monat indem es um die Förderung von (Selbst)Akzeptanz, Unterstützung, Zusammenhalt und Bildung über LGBT+ Personen geht, also erscheint es mir besonders passend meinen Senf dazu zu geben. Die Idee des Pride Months entstand um den Jahrestag des Stonewall-Aufstandes in New York im Jahr 1969 zu gedenken, obwohl er mittlerweile viel mehr als nur dieses Ereignis symbolisiert, welches den Aktivismus für LGBT+ Personen angespornt hat.

Ich selbst habe zwei Gründe, um an dieser Diskussion teilzunehmen: einerseits identifiziere ich mich als Teil der LGBT+ Gemeinschaft, also ist es für mich ein ziemlich wichtiges Thema, und andererseits ist es einfach unglaublich interessant, und wie ich schon oft geschrieben habe, das hier ist meine Ecke des Internets für interessante Dinge.

Bevor ich aber dazu komme noch ein kleiner Disclaimer: ich werde es nie schaffen alles zu beschreiben, was die LGBT+ Welt angeht, weil dieses Thema so unglaublich breit und komplex ist, besonders weil es eigentlich jeden Bereich des Lebens betrifft. Und ich will so wirklich nicht einmal alles beschreiben und jeden Kontext vorbringen, weil ich mich so dermaßen auch nicht auskenne. Es gibt allerdings einige Aspekte, über die es sich meiner Meinung nach sprechen lohnt und über die ich gerne schreiben werde, also wird dieser Artikel genau solche Dinge betreffen.

Und er wird eher positiv ausfallen, denn obwohl ich finde, dass es richtig ist Geschichten hervorzuheben die schwierig und schmerzhaft sind, denke ich sollten positive auch nicht fehlen

  1. Label

Label sind ein sehr wichtiger Teil der LGBT+ Welt, egal ob innerhalb – als Ausdruck der eigenen Identität – oder außerhalb der Community – als Invektive, die demütigen sollen.

Das ist nicht überraschend, denn Leute nutzen in ihrer Kommunikation und in der Optimierung ihrer Denkprozess generell Label und Etiketten, aber ich habe den Eindruck, dass es im Kontext von Regenbogen-Themen besonders umstritten ist. Wahrscheinlich deswegen, weil viele Label aus Beleidigungen entstanden sind, die nur dank der Arbeit von Aktivisten über Jahre hinweg eine andere Bedeutung erhalten konnten.

Aus diesem und vielen anderen Gründen sind Label fast schon eine kontroverse Angelegenheit. Manche lehnen sie komplett ab, weil sie Grenzen erschaffen und einschränkend sind, andere finden in ihnen Trost, weil sie ihnen ein Gefühl von Gemeinschaft und Okay-sein geben. Wie dem auch sei, sie sind Teil unserer Realität und, gewollt oder nicht, werden wir mit ihnen konfrontiert.

Ich mag ja jegliche Label. Mir helfen Definitionen meine eigene Identität zu verstehen obwohl mir dabei klar ist, dass es nicht für jeden so ist. Außerdem sind es nur Sammlungen von Bedeutungen, die bestimmte Attribute haben, man kann sie in Hierarchien und Kategorien ergreifen und sie zählen, also fungieren sie fast genauso wie Daten. Und Daten mag ich. Aber das bin nunmal ich.

Es gibt allerdings ein bestimmtes Label auf das ich gerne tiefer eingehen würde. Man kann sich leicht denken, dass es um das Wort queer geht (wie der Titel bereits verrät). Queer ist ein sehr interessantes Wort, voller verschiedener Kontexte und Bedeutungen, mit einer ziemlich langen und turbulenten Geschichte, und natürlich ohne eindeutige Übersetzung ins Deutsche. Das sollte aber niemanden davor bewahren die dazugehörige Geschichte kennenzulernen und das Wort zu nutzen, besonders weil es als Adjektiv oder Substantiv schon in mehreren queeren Räumen benutzt wird.

Aus etymologischer Sicht ist das Wort queer wahrscheinlich rund um das Jahr 1500 in germanischen Sprachen erschienen und ist mit dem heutigen quer verbunden (also schräg, schief, verkehrt). Die Umstände wo das Wort genau herkam sind nicht eindeutig und hier sollte man die Regel ‘die einen sagen so, die anderen sagen so’ beachten und niemand weiß es so genau. So oder so, im Laufe der Jahre hat sich die Bedeutung selbst ziemlich genau erhalten, denn für lange Zeit bedeutete queer eben etwas komisches, was von der Norm abweichte, also, um es anders auszudrücken, etwas was schräg oder schief ist.

Eigentlich bedeutet es das bis heute, genauso wie gay eigentlich fröhlich sein bedeutet, aber man nutzt diese Kontexte heutzutage überhaupt nicht mehr. Aber, so als lustige Randnotiz, z.B. Tolkien hat ihn noch benutzt, denn schon auf den ersten Seiten Der Gefährten verwendete er genau dieses Wort, mit einer Bedeutung die mit der heutigen nichts zu tun hat: “It beats me why any Baggins of Hobbiton should go looking for a wife away there in Buckland, where folks are so queer.”

Es ist auch interessant wie sich die Bedeutung von queer im Laufe der Jahre und je nach Wörterbuch verändert hat, denn selbst Wörterbücher sind nicht frei von Zensur oder der Vermeidung unangenehmer Themen, selbst wenn sie dadurch die Realität nicht hundertprozentig wiederspiegeln. Eine genauere Analyse dieses Phänomens beschreibt Merrill Perlman in ihrem Artikel “How the word ‘queer’ was adopted by the LGBTQ community”, hier werfen wir nur einen kurzen Blick darauf was queer zu seiner Zeit bedeutet hat, unter anderem etwas komisches, einzigartiges, aber auch gefälschtes Geld oder eine schlechte Verfassung. Erst später wurde es als Beleidigung für verweiblichte Männer oder homosexuelle Männer verwendet und noch später wurde es in den akademischen Diskurs aufgenommen und von LGBT+ Aktivist:innen zur Selbstidentifizierung genutzt, dann nicht mehr als Beleidigung, sondern als Ausdruck von Selbstbefähigung, als Synonym für die LGBT+ Community, oder generell Personen die nicht-hetero und nicht-cis sind.

Diesen Prozess nennt man reappropriation oder reclamation, aus dem dann Trotzworte entstehen, und betrifft verschiedene Umfelder und Beleidigungen. Dabei geht es um den Bedeutungswandel bestimmter Wörter und darum, Menschen die Macht zu nehmen, die sie als Beleidigung einsetzen. Im Endeffekt verändert man das, was weh tut, in etwas, was Kraft gibt. Und queer ist ein gutes Beispiel dafür.

Obwohl nicht alle in der LGBT+ Community diesen Bedeutungswandel akzeptieren und queer weiterhin als Beleidigung einstufen. Das ist auch mit den Jahren verbunden, in denen sie aufgewachsen sind; die von bevor Stonewall sehen queer eher als Schimpfwort, da es zu ihren Zeiten so benutzt wurde, während die heutige, jüngere Generation es eher als Ausdruck von trotzigem Stolz wahrnimmt.

Das Ganze wird dadurch nicht leichter gemacht, dass queer wirklich viele verschiedene Bedeutungen hat. Und hier wieder die Frage wer was sagt – jedes Wörterbuch, jede Online-Publikation und jeder queere Mensch wird etwas anderes dazu sagen. Und so kann queer als genereller Begriff für nicht-heteronormative Personen und als Synonym für die ganze LGBT+ Gemeinschaft angewendet werden, oder als komplette Ablehnung der LGBT+ Gemeinschaft, so wie sie derzeit funktioniert und als komplett eigene Kategorie, oder sogar als Widerspruch der heutigen LGBT+ Community, die so wie jede andere Gemeinschaft strukturelle Probleme mit Rassismus, Klassismus, Ableismus etc. aufweist. 

Manchmal kann man queer auch einsetzen um auszudrücken, dass Sexualität und Geschlecht komplizierte Angelegenheiten und nicht unbedingt gleichbleibend, oder genau definierbar sind. Es kann auch benutzt werden wenn die Label, die schon existieren, zu einschränkend sind, um bestimmte Geschichten und Erfahrungen zu beschreiben, oder wenn es manchmal einfach keine besseren Begriffe gibt. Eine andere Perspektive schlägt Dan Howell vor, ein bekannter britischer YouTuber, der mit seiner mini-Doku über sein Coming Out ziemliches Aufsehen erregt hat und folgendes sagt: “Deswegen mag ich persönlich das Wort queer. […] Diese Definition macht Sinn, denn so lange die Gesellschaft nicht in Bezug auf alle sexuellen und geschlechtlichen Identitäten gleich ist, ist [queer sein] wortwörtlich komisch aus der Sicht des konventionellen Standpunktes, plus es ist besser als eine super lange Abkürzung, es inkludiert jeden und deswegen eignet es sich perfekt für formlose Blobs.”

Ich finde auch das queer ein cooler und manchmal ziemlich praktischer Begriff ist. Man muss nicht immer in die Details der eigenen Identität steigen, wenn man nicht will, manchmal reicht es eben zu sagen, dass man queer ist. Und wenn die Details jemanden interessieren, hat man ja immer noch Zeit zu reden.

Außerdem ist queer meiner Meinung nach auch gut, wenn man Raum braucht, um nach der eigenen Identität zu suchen, wenn man am Anfang nicht sicher ist oder bestimmte Dilemmas bezüglich der idealen Bezeichnung für sich hat (wenn man solch eine überhaupt haben will). Es gibt einen bestimmten Komfort, es ist ein bestimmter Schritt in die Richtung der Selbstfindung, der nicht von einem verlangt direkt alles zu definieren und direkt alle Antworten auf alle Fragen zu besitzen. Manchmal reicht es auch zu wissen was man nicht ist, und hierzu hat Dan auch ein ziemlich gutes Zitat: “Eine Sache ist sicher, was auch immer heterosexuell ist, ich bin’s nicht.”

So sehr ich auch Definitionen und Label mag, ich lerne auch, dass man sich nicht sofort für irgendwelche entscheiden muss. Im Moment weiß ich so viel, dass ich keine Frau bin und das Geschlecht und die Anzahl meiner Partner zweitrangig für mich ist. Nicht mehr und nicht weniger. Man kann immer noch weiter suchen und unabhängig davon kann man sich wohl damit fühlen, dass es einen generellen, nicht unbedingt super präzisen Begriff gibt, den man auch anwenden kann – queer eben.

  1. Medien

Schreiben und labern kann man viel, aber ich finde man lernt neue Sachen am einfachsten und angenehmsten indem man Filme schaut oder Bücher liest. Es ist einfacher sich mit einem Thema vertraut zu machen wenn man Geschichten kennenlernt, wenn man nicht reagieren muss, sondern in Ruhe beobachten kann. Und dabei muss man sich nicht mit Stereotypen auseinandersetzen, oder zweifelhaften Werten die am Sonntagstisch oder in den News übermittelt werden.

Deswegen ist Repräsentation in den Medien so verdammt wichtig. Es gibt immer mehr davon, in Serien erscheinen Charaktere, die einfach nicht-normativ sind, und das geht voll klar. Oder in Werbungen, wie in der einen von Campbell und ihrer Star Wars-Suppe. Natürlich regen sich Leute auf, ‘warum denn jetzt überall Schwule sind’, aber die Wahrheit ist, dass sie immer da waren, nur man hat sie in den Medien nicht gesehen, oder wenn doch, dann nur überspitzte, oder spöttische Interpretationen. Also nochmal, es ist wichtig, dass sie erscheinen, um zu normalisieren, was ein untrennbarer Teil der Gesellschaft ist, und zwar nicht seit heute und nicht seit gestern.

Aber das hier sollte positiv sein, also vorbei mit der Sonntagsrede und rüber zu Beispielen von verschiedenen coolen, positiven Medienprodukten. Hier finde ich auch, dass wie ich vorhin geschrieben habe, schmerzvolle und traurige Geschichten wichtig sind, aber diesmal will ich meine Aufmerksamkeit den positiven schenken.

Ich fange mit Filmen an, denn dank Filmen habe ich das meiste über die queere Welt gelernt. Ich denke die meisten fangen ihr Leben in seliger Unwissenheit in Bezug auf Regenbogen-Thematik an, selbst noch meine Generation, also obwohl es heute für mich ein wichtiges Thema ist, musste ich mich auch erst damit anfreunden.

Ich habe also Unmengen an verschiedenen Filmen geschaut und der, der am stärksten bei mir hängen geblieben ist und bis heute zu meinen Favoriten gehört ist eine liebevolle und ziemlich bescheidene, unabhängige Filmproduktion namens Shelter aus dem Jahr 2007. Es ist die Geschichte eines jungen Surfers, Zach, der zwischen seiner schwierigen Familiensituation und seinem Traum vom Kunststudium an CalArts zerrissen ist. Plötzlich erscheint Shaun im Bilde, der Bruder von Zach’s bestem Freund, der, gewollt oder nicht, ein ziemliches Durcheinander verursacht. Obwohl alles eher unschuldig anfängt, weil zuerst surfen Zach und Shaun nur zusammen, aber man weiß, wie das mit solchen Sachen so ist, ziemlich unerwartet entwickelt sich da gewisse Gefühle füreinander.

Shelter ist in seiner Einfachheit und Wahrheit einfach nur schön. Die Liebe in diesem Film ist unglaublich natürlich und sehr real, und die Dramaturgie ist auf nachvollziehbaren, aber schmerzhaften Konflikten aufgebaut. Dazu sind die Charaktere so übertrieben menschlich, dass sie wieder durchschnittlich erscheinen, im besten Sinne des Wortes. Dazu kommt, dass die ganze Geschichte mit wunderschönen Surf-Collagen an der kalifornischen Küste, einem stimmungsvollen Stadtbild von San Pedro und unglaublich schöner, sanfter Musik verwoben ist.

Queere Filme gibt es viele, und so sehr wie ich jene mag, die grell und extrem sind, bunte Flamingos und alles, wenn ich jemandem eine nette Geschichte zeigen will, die man leicht verstehen und dank welcher man sich mit nicht-hetero Erzählungen anfreunden kann, dann werde ich immer Shelter wählen. Ich empfehle diesen Film unabhängig vom Beweggrund, denn am Ende des Tages ist es einfach eine unglaublich schöne Geschichte.

Aus dieser Zeit kann ich noch Latter Days (2003) empfehlen – eine wundervolle Liebesgeschichte mit Elementen religiöser Oppression, also ist vielleicht nicht jeder Moment in diesem Film nett, aber so oder so, eine gute Geschichte. Obwohl der bekannteste queere Film aus dem Zeitraum wohl Brokeback Mountain (2005) ist. Das ist mit Sicherheit ein wichtiger Film, weil dank ihm im Mainstream ein anderes, nicht klischeehaftes Bild von schwuler Liebe erschienen ist, aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, gehört er trotzdem nicht zu meinen Favoriten.

Wenn es um etwas aktuellere Filme geht muss ich zweifellos Call Me By Your Name (2017) erwähnen, weil dessen Regisseur, Luca Guadagnino, einfach wusste, was er tat, als er diese entzückende sommerliche Liebesgeschichte auf die Leinwand brachte, mit so einem Level von Italien-heit, dass man einfach nur einen Chianti aufmachen und an ein bisschen Bruschetta knabbern will.

Außerdem muss ich, wenn es um queere Produktionen geht, auch ein paar Musicals erwähnen. Hierbei möchte ich besonders zwei Titel hervorheben, zu einem Rent (2005), die Geschichte einer Gruppe Freunde aus New York in den ‘80, mit einem wunderbaren rockigen Soundtrack, und zum anderen Were The World Mine (2008). Letzteres ist ein Fantasy-Musical, nach Shakespeares Sommernachtstraum und dazu sage ich nur eins – wenn es einen Weg gibt, mich für die Literatur des Barden von Avon zu begeistern, dann ist es ein absurdes, schwules Musical. Kann ich nur empfehlen.

Filme sind aber nicht alles, also Zeit für ein paar Bücher. Ich muss zugeben, dass ich in diesem Bereich noch ein wenig Bildung brauche. So wie ich bei Filmen mehr oder weniger die größten Hits kenne, so ist mir der Kanon queerer Literatur eher fremd. Obwohl, ein paar Texte kamen schon durch, also hier ein paar Zeilen dazu.

Der erste ist die Autobiographie von Elton John namens Me (es gibt auch ein sehr gutes Musical über sein Leben, Rocketman (2019), so am Rande), die nicht nur eine unglaubliche queere Geschichte ist, sondern auch eine einzigartige Übersicht der Realität mehrerer Dekaden bietet, von den 60′ bis eigentlich heute. Elton John hatte ein äußerst buntes und spannendes Leben und außerdem hat er aus verschiedenen Gründen die AIDS-Epidemie überlebt und er verschweigt die Realität dieser Zeit definitiv nicht. Noch dazu ist sein Buch voller kurioser und manchmal unwahrscheinlicher Geschichten, die auf lustige und lockere Weise beschrieben werden und es ist ein Beweis dafür, dass es sich lohnt man selbst zu sein und an das zu glauben, was man machen möchte.

Der zweite, aus einem komplett anderen Genre, ist A Single Man von Christopher Isherwood (zu dem es auch einen Film gibt, Christopher and His Kind (2011), und natürlich die Verfilmung des Buches selbst – A Single Man (2009) – unter der Regie von Tom Ford, den ich verehre). Es ist eine etwas traurigere Geschichte, aber trotzdem gibt es dort angenehme und hoffnungsvolle Momente. Bei diesem Buch weiß ich, dass es Teil des Regenbogen-Kanons ist und das ist auch berechtigt, überhaupt sind die Werke von Isherwood und er selbst eine bedeutende Instanz im Kontext der Gay Liberation – einer Bewegung, die sich für LGBT+ Rechte eingesetzt hat, auch entstanden nach dem Stonewall-Aufstand.

So viel zu Büchern. Das letzte Medium, das ich erwähnen möchte, ist das Internet. Ich weiß, ein kleines und leicht aufzugreifendes Thema. Aber die Wahrheit ist, wo immer es einen Ort außerhalb des Mainstreams gibt, wird es auch Räume für nicht-normative Personen geben. Früher waren es Kellerclubs in großen Städten und geheime Zeichen, die man sich mit verschiedenfarbigen Tüchern gab, und heute sind es entsprechende Online-Foren und Communities auf YouTube. 

Eigentlich, um ganz ehrlich zu sein, war es eben der YouTube-Algorithmus der mich auf die Spur der *schwulen Agenda* gebracht hat. Ich hatte nur eine Suchanfrage in Bezug auf Harry Potter eingetippt und schon kamen Fan-Videos auf, die, um es mal höflich auszudrücken, die erhoffte Liebesbeziehung zwischen Harry und Draco gefeiert haben. 

Fanarbeit lassen wir aber für einen anderen Tag, hier will ich über konkrete Creator schreiben, deren Content ich jahrelang geschaut habe, die einen ziemlich großen Einfluss auf die Entwicklung von LGBT+ Akzeptanz hatten und die einfach cool sind. 

Zuerst muss ich zweifellos Tyler Oakley und Michael Buckley (Gründer der What The Buck Show) erwähnen, denn sie waren nicht nur Pioniere des Youtube-Influencerdaseins, sondern auch Pioniere des Schwulseins auf YouTube. Das, dass sie einfach sie selbst waren und ihre Geschichten erzählt haben, und ihr Leben genauso lebten, wie sie es eben lebten, das war in gewisser Weise schon schockierend. Dass man das darf? Einfach du weißt schon was sein und trotzdem ein normales Leben als Mensch führen? Reisen, rumaffen, total belanglose Probleme haben und manchmal sogar unfreundlich sein oder einen schlechten Tag haben? Und dabei geht es nicht darum, dass das früher nicht möglich war. Die Revolution bestand darin, dass man es nun sehen konnte. Millionen von Menschen haben dabei zugesehen wie diese Typen einfach ihren Alltag bestreiten, und das, dass sie ihn bestreiten, okay ist. Das ist genau diese Repräsentation, über die ich vorher geschrieben habe, die in diesem Fall gezeigt hat, dass *die Schwulen* keine kriminellen Monster, sondern normale Menschen sind.

Fast fünfzehn Jahre sind seitdem vergangen und die Anzahl und Vielfalt von queerem Content auf YouTube hat sich in der Zwischenzeit sehr verändert und entwickelt. Es gibt viele bildende-normales-Leben-zeigende Inhalte, aber auch Unterhaltungsformate, bei denen es nur darum geht zu lachen. Einer meiner Lieblingsbeispiele solcher ist der Kanal von Lucas Cruikshank, der nicht nur einen fantastischen Nachnamen hat, sondern auch eine Karriere als erster Creator, der eine Million Abonnenten auf YouTube hatte – als Fred, die Figur eines lauten Teenagers mit einer künstlich veränderten Stimme, die sehr schrill war (und nervig, muss ich sagen). Heutzutage beschäftigt er sich mit der Bewertung und dem Kommentieren von verschiedenen Medienprodukten oder Popkultur-Phänomenen, und ist dabei sehr lustig, also kann ich sein Zeug nur empfehlen. Ein anderer Creator, mit ähnlichem Content, aber einer komplett anderen Ästhetik, ist Macdoesit. Mac hat seinen eigenen charakteristischen Stil und einen sehr absurden Sinn für Humor und erzählt über verschiedenen komische Ereignisse oder kommentiert andere Videos. 

An dieser Stelle möchte ich auch ein paar Trans-Creator erwähnen, die nicht nur Leuten helfen sich zu bilden und Unterstützung schenken, indem sie ihr Leben teilen, sondern auch einfach super (und super schöne, wohlgemerkt) Leute sind. Die erste ist Gigi Gorgeous, die anscheinend nicht nur viele Zuschauer, sondern auch viele andere Creator auf YouTube inspiriert hat. Sie war auch eine der ersten, denn sie lädt schon seit über zehn Jahren Videos hoch. Bei ihr ist es auch einzigartig, dass sie ihre Transition ziemlich in der Öffentlichkeit durchlebt hat, was meiner Meinung nach bewundernswert ist. Obwohl mich die Thematik ihres Kanals persönlich nicht anspricht, denn es geht um Sachen aus dem Bereich Lifestyle/Kosmetik, ist es trotzdem angenehm ihre Videos zu schauen. Sie ist fröhlich und total ehrlich, sie steckt viel Arbeit in ihre Produktionen und es ist immer gut zu wissen, dass bei ihr alles in Ordnung ist oder das etwas in ihrem Leben passiert ist, worüber sie eine lustige Geschichte erzählen kann.

Zu meinen anderen Lieblingscreatoren gehört Alex Bertie, der soweit ich weiß auch einer der ersten Trans-Creator auf YouTube war, zumindest einer der ersten, der mir bekannt war. Bei ihm habe ich viel gelernt worum es bei dieser Sache eigentlich überhaupt geht. Bezüglich neuerer Creator, die ich erst etwas kürzer kenne, empfehle ich Contrapoints und Sam Collins. Natalie, die Autorin von Contrapoints, veröffentlicht sehr vielschichtige Filme mit komplexen Themen, auch aus dem queeren Bereich, aber ihre Produktionen sind einfach nur der Hammer. Zudem hat sie einen so charakteristischen Stil entwickelt, dass andere angefangen haben ihn zu kopieren, aber man weiß immer von wem er inspiriert war. Obwohl die Themen in ihren Videos nicht immer zu den angenehmsten gehören, lohnt es sich sie trotzdem anzuschauen, weil sie mit ihrer Qualität nicht selten Fernseh- oder sogar Kinoproduktionen übertreffen. Sam Collins andererseits ist einfach ein cooler Typ, der ein bisschen kommentiert und ein bisschen erzählt, was im Internet so alles abgeht und ich höre ihm gerne zu, wenn ich mich entspannen will.

Die letzten Creator die ich erwähnen will sind die Try Guys. Meiner Meinung nach passen sie in den Rahmen von queerem Content nicht nur, weil einer der Mitglieder dieses vierköpfigen Teams zur LGBT+ Community angehört, sondern deswegen weil die anderen drei Typen ziemlich gute sogenannte Allies, also Verbündete sind, die auch wichtig für die Gemeinschaft sind. Ihre Videos sind locker und lustig und ein bisschen (oder manchmal sehr stark) auf Clickbait ausgerichtet, aber dank ihrer Reichweite steuern sie wirklich viel zur vorher genannten Repräsentation bei. Generell entstand die Idee für diese Gruppe als das Team noch bei BuzzFeed arbeitete, einem Medienkonzern mit einer sowohl turbulenten, als auch dunklen Geschichte, aber hier geht’s nicht darum. Im Jahr 2014 entstand dann jedenfalls in der kreativen Abteilung die Idee, um ein Video zu machen wo “hehe Männer Frauenunterwäsche tragen hehe” und die Einzigen im Büro, die damit einverstanden waren, waren genau die vier Typen, aus denen dann später die Try Guys wurden – weil sie bereit waren, alles zu versuchen.

Das Video wurde also gemacht, es hat in der Zwischenzeit 22 Millionen Klicks und der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte. Eine ziemlich spannende sogar und über die letzten 6-7 Jahren wurden aus dem Team Freunde, sie haben Buzzfeed hinter sich gelassen und haben nun fast ihren eigenen Medienkonzern. Die Einzigartigkeit ihrer Inhalte besteht allerdings nicht darin, dass sie bereit sind alles zu versuchen, sondern in der Einstellung, mit der sie es tun. Die Jungs sind das genaue Gegenteil von toxischer Männlichkeit und sie fürchten sich, und schämen sich nicht, es zu zeigen. Und hier geht es nicht mal darum, dass sie einfach normale Typen sind – sondern sie sprechen über ihre Gefühle und Schwächen und konfrontieren sich mit dem Bild der gegenwärtigen Männlichkeit in einer Weise, die das Ego nicht bedroht, sondern zeigt, dass jegliche Wege ein Mann zu sein in Ordnung sind. Manchmal passiert das in der Form von dummen Verkleidungsaktionen mit Kostümen, und manchmal in der Form von ernsten Gesprächen über männliche Komplexe, über die man sonst ja nicht reden darf. So oder so, die Jungs leisten eine gute Arbeit, also kann ich ihren Kanal nur empfehlen.

Ich habe in diesem Teil viel mit Titeln und Namen um mich geworfen, und es gibt wenn nicht dutzende, dann hunderte mehr, aber für jetzt ist es glaube ich genug. Die Welt der queeren Inhalte, sowie aller Inhalte sowieso, ist unermesslich breit und unmöglich in ihrer Ganzheit zu erfassen, aber wenn es jemanden interessiert, lohnt es sich zumindest einen Anhaltspunkt zu finden, mit dem man starten kann. Ich finde, dass jede einzelne der Produktionen, die ich vorgeschlagen habe, als solch ein, ziemlich guter sogar, Anhaltspunkt dienen kann. Und natürlich vertreibt man sich beim Anschauen solcher Inhalte einfach nett die Zeit, also was will man mehr.

  1. Wortschwall (Rant)

Ich weiß ich habe geschrieben, dass dieser Artikel positiv sein wird – und das ist weiterhin mein Plan – aber ich habe das Gefühl, dass wenn ich schon mit meinen Rant anfange, dass meine Gefühle, und zwar jegliche, die Oberhand gewinnen könnten. Aber, mal sehen. Ich hoffe, dass wenigstens die Schlussfolgerung nett sein werden. Weil es gibt eine sehr, aber wirklich sehr wichtige Frage, die ich mir stelle.

Warum zum Teufel haben Menschen ein Problem damit, wenn jemand LGBT+ ist?

Ich raffs wirklich nicht.

Ich nehme an, dass man das auf die Privilegien zurückführen kann, die mir im Leben erteilt wurden. Ich bin in einem reichen, westlichen Land, in einer atheistischen, linken Familie aufgewachsen, in der alle, sogar meine Großeltern, gebildet waren. Ich habe immer mindestens der mittleren Schicht angehört und ich konnte mich in der Kindheit nicht auf Mangel beklagen, wenn schon dann nur auf Überfluss. Nicht, dass es Gold regnete, aber naja, ich hatte halt Glück und Möglichkeiten. Ich konnte immer mehr oder weniger der sein, der ich wollte und meine Eltern kümmerten sich immer um meine Bildung, das heißt es kamen sowohl Privatschulen, als auch eine der besten Oberstufen in der Stadt vor. Ich bin also in einer Welt aufgewachsen, wo ich sehr viel Zugang zu Wissen hatte und es keinen Platz für Intoleranz gab.

Ich verstehe auch, dass bestimmte gesellschaftliche Abneigungen von historischen Bedingtheiten und Vorurteilen stammen, und Vorurteile von fehlendem Wissen, Repressionen und Angst. Ich weiß, wir lachen gerne, “hehe Homophobe sind eigentlich schwul hehe” und manchmal ist da sogar was dran, aber ich verstehe auch diesen Mechanismus, dass man ungewollte oder unverständliche Gefühle unter einer Maske aus Wut versteckt. Die eigene Identität zu verstehen ist hart, schrecklich und verwirrend und wenn man noch den Spiegel gesellschaftlicher Erwartungen und Muster dazu nimmt, dann kann man schon den Kopf verlieren.

Ich weiß auch, dass man manche Menschen einfach nicht ändern kann, dass sie ihre eigene, konkrete Weltanschauung haben, die durch bestimmte Erfahrungen bedingt ist und sie sterben eher, als dass sie sich für neue Perspektiven öffnen. Noch andere haben einfach andere Sachen im Kopf, sie haben keinen Kontakt zu oder keine Interesse an LGBT+ Menschen, es ist ein Thema irgendwo an der Randzone ihres Bewusstseins, wenn überhaupt. Was auch verständlich ist, weil wenn man nichts zu Fressen hat, dann sind die Feinheiten des queeren Diskurses auch nicht so wichtig.

Aber, verdammt nochmal. Genau dann kann man doch eben eine neutrale Einstellung all dem gegenüber haben, nicht im Sinne von “sollen sie doch machen, aber nicht vor meinen Augen”, sondern im Sinne eines gewöhnlichen, einfachen Scheißegal-seins, welches keine emotionale Investition verlangt. Ich weiß, dass nicht alle in der LGBT+ Community solch eine Art von Akzeptanz erstreben, was aber auch ziemlich logisch ist, denn LGBT+ ist kein Monolith mit einer bestimmten Agenda, weil – aufgepasst – es keine Ideologie ist, sondern Menschen, Personen, die genau wie alle anderen ihre eigenen Visionen und Bedürfnisse haben. Das einzige was sie von “normalen Menschen” unterscheidet ist, dass sie sich wegen der Verfolgung, die sie seit den Zeiten des frühen Mittelalters begleitet hat, auf irgendeine Weise verbünden mussten, um ihren Unterdrückern die Stirn zu bieten.

Na und jetzt sind wir mitten in einem komplett unnötigen Krieg, ich will nicht sagen ideologischer Natur, aber irgendwie schon ein bisschen. Menschen bringen andere deswegen um. Wirklich. Was für ein Schwachsinn! Im Sinne von, wenn man mal von Weitem darauf schaut, dann ist die Tatsache der Sexualität oder Identität einer anderen Person wirklich ein – na – blöder Grund, ihn oder sie deswegen umzubringen. Weil wen zur Hölle geht das was an?

Natürlich ist mir klar, dass man diesen Konflikt nicht einfach lösen kann, indem man sagt: “Hey, Unterdrücker! Hör auf unreflektiert Menschen die anders als du sind zu quälen, weil das was du tust dumm und wahrscheinlich nur eine Projektion deiner eigenen vernachlässigten Gefühle ist!” und plötzlich ist Friede auf Erden. Obwohl, wäre schon einfacher, wenn es so wäre. Das, dass wir überhaupt da sind wo wir jetzt sind, verdanken wir den unzähligen Jahren und Leiden einer ganzen Menge mehr oder weniger bekannten Aktivst:innen, die sich für die Sache geopfert haben, damit es die zukünftigen Generationen ein bisschen besser haben.

Nun, was mich aber am meisten bei all dem schmerzt ist, dass diese ganze Unterdrückung eben so unreflektiert ist. Was sowieso eine schwierige Angelegenheit ist, weil man diese Unreflektiertheit auf die Mehrheit des Bösen auf der Welt zurückführen kann, und wenn uns nicht beigebracht wird (und es gibt kaum jemanden, der es uns beibringen will) wie man reflektiert denkt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man diese unterdrückerische Denkweise nicht hinter sich lassen kann.

Weil es gibt keine rationalen oder sogar wissenschaftlichen (zuverlässigen, wohlgemerkt) Argumente dafür, dass queer sein irgendwie schlecht oder schädlich sein sollte. Kein Argument von der Opposition (was ein Paradox in sich selbst ist – wie kann man “in der Opposition” zu etwas stehen, was einfach ein Teil des Lebens ist?) hat eine rationale Grundlage. Alle folgen aus der unreflektierten Wiederholung von Vorurteilen, aus Ignoranz, aus der Projektion der eigenen schlechten Erfahrungen auf die ganze Gesellschaft, aus zu wenig Kontakt mit anderen Menschen, aus fehlender Empathie, aber vor allem aus Angst (vor sich selbst, vorm Wissen, vor Zurückweisung, vor gesellschaftlichem Druck…).

Schwule sind Pädophile? Stimmt nicht, Schwule sind Schwule und Pädophile sind Pädophile, wobei der Unterschied zwischen Pädophilen und Kinderschändern auch ein ganz anderes Thema ist. Schwule nicht in der Umkleidekabine, weil sie gaffen werden? Erstens, warum ist das immer der erste Gedanke dabei und zweitens, Angreifer greifen an, nicht Identitäten. Ich denke Schwule gehen aus demselben Grund in die Umkleidekabine, wie jeder andere Mensch, der dorthin geht – um sich umzuziehen.

Keine Hochzeit wegen Gott? Selbst angenommen, das könnte ein vernünftiges Argument sein (was es nicht ist), dann heißt es doch nicht gleich, dass wenn man schwule Hochzeiten anbietet, dass jeder direkt solch eine haben muss. Adoption nein wegen der Kinder? Genauso wie keine Lehrer und keine Paraden und überhaupt, versteckt euch, weil was ist mit den Kindern? Erstens, das passiert sowieso und Leute leben weiter, und zweitens sind ‘Kinder’ nicht eine “Du kommst aus der Diskussion frei”-Karte für alles, was einem nicht gefällt. Kinder sind weder so sensibel, noch so dumm. Ich will damit nicht sagen, dass man Kinder vor der Welt nicht schützen muss, weil das muss man bestimmt. Aber mehr als davor, dass man queer sein kann, sollte man meiner Meinung nach Kinder vor, ich weiß nicht, Hass schützen, zum Beispiel. Wenn man Kindern beibringt, dass Schwule schlecht sind, dann werden sie wahrscheinlich so denken. Aber hier ist ja das Ding – man muss es ihnen nicht beibringen, weil es keine offenbarte Wahrheit ist. Es ist einfach eine komische Idee, die sich über die Jahrhunderte in der Gesellschaft entwickelt hat, aber heutzutage haben wir genug Wissen und Fähigkeiten, um dem einfach nein zu sagen. Wir können uns dafür entscheiden die Sache ernsthaft zu überdenken und keine schädlichen Denkmuster fortzusetzen.

Was natürlich nicht heißt, dass jede queere Person der Inbegriff von idealer Menschlichkeit ist. Ganz im Gegenteil. Wie ich schon mehrmals wiederholt habe, das sind nur Menschen. Die auch Arschlöcher, Verbrecher, Waschlappen, Horste, Zicken, Boomer und Irre sind. Und sollen sie doch sein, unabhängig von ihrer Orientierung. Was jetzt keine komische Form von unheilvoller Selbstbefähigung darstellen soll, sondern nur die Erlaubnis, menschlich zu sein. Weil, und nicht, dass ich mich hier beklage, aber es besteht ein bestimmter Druck ein ‘guter Queer’ zu sein. Es ist sehr leicht sich nicht ‘queer genug’ zu fühlen, weil man bestimmten Stereotypen nicht entspricht. Und außerdem will man seine Community ja gut repräsentieren, weil es schon genug Vorurteile über sie gibt. Einfach schwul zu sein ist schon schlimm genug, ein schwuler Boomer hingegen ist so unfassbar wie wenn man durch Null teilt.

Aber mal ganz davon abgesehen, so wirklich hat all diese Unterdrückung noch die zu etwas Konstruktivem geführt. Scham hat noch nie jemanden verändert, selbst wenn man es sehr wöllte. Jemandem einzureden, dass man unnatürlich ist und solche Verhalten abtun sollte führt nur zu einem – zu Scham und Schuldgefühlen, die genau nichts mit einer Veränderung der Orientierung oder Identität zu tun haben. Also… vielleicht doch nochmal überdenken? Und solche Sachen einfach nicht mehr sagen?

In diesem Moment der Diskussion kommt meistens ein Argument, was viele als garantiertes Schachmatt empfinden: “das sind die Schwulen, die so aggressiv sind, ihre Paraden, wo sie mit ihren Schwänzen wedeln und sich ablecken und so”. Also, lasst uns mal einen genaueren Blick darauf werden. (Spannend ist auch, so ganz nebenbei, dass es sich bei solcher Art von Diskussionen meistens um “Schwule” handelt und der Rest der Community irgendwie auf der Strecke bleibt. Aber ich will hier nicht tausend Seiten schreiben, also lassen wir mal das Thema Sexismus beiseite.)

Also, es ist halt nicht ganz so. Natürlich gibt es Menschen, die extrem sind, die Gatekeeping sogar gegenüber Menschen mit den gleichen Erfahrungen betreiben, die aggressiv sind und mit denen man nicht reden kann. Ich denke mir, dass solche toxischen Verhaltensweisen teilweise als Reaktion auf das, was man bekommt, entstehen. Ihr wollt uns nicht akzeptieren? Dann fickt euch. Ich verstehe das, ich finde es ist nicht immer richtig, aber jeder hat das Recht, den eigenen Widerstand so zu äußern, wie er oder sie es für richtig hält (solange man anderen damit nicht schadet, versteht sich). Aber andererseits, hat teilweise das, was die “Opposition” als “aggressives” Verhalten wahrnimmt, eigentlich nichts mit Aggression zu tun. Menschen wollen (aus irgendeinem Grund) nur Schlechtes in LGBT+ Menschen sehen, also werden jegliche Verhalten oder sogar Selbstverteigungsversuche so interpretiert. Leider.

Und dabei gibt es so viel Gutes in dieser Community. Abgesehen davon, dass ich es gerne so hätte, dass die Akzeptanz von queeren Menschen auf einem Level neutralen Scheißegalseins stattfinden würde, so mag ich die bunte Übertriebenheit und Fröhlichkeit doch sehr. Ich liebe den Regenbogen und regenbogenfarbene Produkte, kitschige Musik, gebrochene Handgelenke und piepsiges Geträller. Und über alles liebe ich Paraden. Es macht mich traurig, dass die Pride-Parade für viele Personen der einzige Tag im Jahr – fuck, der einzige Tag im Jahr – ist, wo sie mir ihren Partner:innen in der Öffentlichkeit Händchen halten können (und selbst das ist nicht mehr überall möglich mittlerweile), aber es gibt auch Länder auf der Welt, sogar in Europa, wo Paraden nicht mehr ein Kampf mit dem Unterdrücker sind. Es sind einfach nur große Parties.

Musik, Saufen, gute Laune. Familienpicknicks und viel zu teure Souvenirs. Und niemand wedelt mit dem Schwanz rum. Und selbst wenn es so wäre, was ist denn so schlimm daran? An Nacktheit gibt es nichts an sich Schlimmes, Unreines oder Anstößiges. Das sind unsere puritanischen, christlichen kulturellen Linsen, die das gemacht haben, und nicht die Tatsache, dass Körper schlecht sind. Ich will damit nicht sagen, dass ich es gerne hätte, dass alle nackt rumlaufen – aber man muss sich darüber auch nicht den Kopf zerbrechen, denn sowas passiert einfach nicht und wenn, dann sicher nicht auf der Skala, auf der Menschen, die noch nie auf einer Parade waren, sagen, dass es passiert.

Nun, noch ein letzter Gedanke, der endlich auch ein bisschen positiver ist. Vor allem gibt queere Befreiung, in verschiedenen Formen, eine ganz wichtige Sache – ein gutes Wohlbefinden. Wie viele Kinder, Teenager, gibt es, die unter einer Flut von Hass von der Familie, der Gesellschaft, Kultur und letztendlich sich selbst groß werden. Und für wie viele von ihnen it gets better – wird es besser – und plötzlich erfahren sie, dass nein, sie nicht unnormal sind, dass ihre Gefühle und Identitäten in Ordnung sind, dass man sich nicht fürchten oder schämen muss. Und dass sie sich das erste Mal im Leben gut mit sich fühlen können.

Uff. Wäre gut das hier noch mit irgendeinem Aktionsplan abzuschließen, was man tun kann, damit es queeren Leuten und Leuten generell besser geht. Aber es wird wahrscheinlich niemanden wundern, dass ich so einen Plan nicht habe. Ich versuche wie Gandalf an die ganze Sache ranzugehen, dass kleine Dinge und winzige Freundlichkeiten die Welt besser machen, und nicht etwa große, radikale Mächte. Ich glaube, dass Empathie der Schlüssel zum Erfolg in diesem Bereich ist, dass man es wollen und können muss anderen zuzuhören und sie kennenzulernen.

Was natürlich nicht einfach ist. Aber es gibt Geschichten, die zeigen, dass es geht. Eine meiner Favoriten ist die TED-Rede von Christian Picciolini, einem Ex-Neonazi, der dank der Unterstützung und Empathie Anderer diese brutale Welt hinter sich gelassen hat. Eine revolutionäre Idee, solche Geschichten gibt es viele und obwohl man darüber diskutieren kann und sollte welche Geschichten man im Kontext von Unterdrückung hervorhebt, finde ich dass die Tatsache, dass solch eine Veränderung überhaupt möglich ist, schon Hoffnung für die Zukunft bringt.

Besonders weil wir oft selbst nicht mal merken was wir für eigene Linsen und Denkmuster haben. Klar, Neonazismus ist ein extremes Beispiel, aber jeder hatte im Leben solche Momente, wo man unreflektiert – und grundlos – jemanden verurteilt hat. Ich war früher auch ziemlich kritisch und habe alles verurteilt und Leute, die “anders” waren sowieso. Aber ich will nicht mehr so denken und ich arbeite daran, es nicht zu tun, denn ich finde es ist nicht richtig. Jetzt erfahre ich mit Neugier und Begeisterung über Leute die Konventionen brechen, egal in welchem Bereich. Willst du Operationen haben, um wie ein Papagei auszusehen, du sammelst alles, was grün ist oder bist ein Mann, der Stöckelschuhe trägt? Geil! Mach, was dein Herz dir sagt und ich kann solche Selbstsicherheit nur bestaunen und bewundern, nicht nur im Sinne von sich treu sein und sich nicht dafür zu entschuldigen, sondern auch sich sicher sein, was man überhaupt vom Leben will.

Und nun, wenn ich so frei sein darf, noch ein kleiner Rat für Pride Month, und jeden anderen Monat im Jahr – ein bisschen mehr Empathie. Ich weiß, dass es damit in meiner linken Bubble gar nicht mal so schlecht steht, aber man kann immer an sich arbeiten und wenn nicht entwickeln, dann wenigstens das Gute, was es auf der Welt schon gibt, pflegen. Und das wünsche ich jedem.


Zeit für eine kleine Zusammenfassung. Es gibt noch sehr viel über die LGBT+ Welt zu sagen und viele weniger angenehme Angelegenheiten zu erledigen, als Etymologie zu studieren oder Filme zu empfehlen. Aber, wie ich schon am Anfang geschrieben habe, ich denke dass der Raum für positive Geschichten genauso wichtig ist, wie für alle anderen.

Weil nichts auf dieser Welt komplett schlecht oder komplett gut ist, und mit der Regenbogen-Welt ist es nicht anders. Für mich kommt dazu, dass ich ein totaler Hedonist bin und mich mit großer Freude für angenehme Themen interessiere. Ich feiere Pride Month mit viel Vergnügen, ich freue mich, dass ich Teil dieser Community bin, obwohl es manchmal schwer ist. Ich habe coole Leute und Geschichten kennengelernt, ich lerne viel über die Welt und generell ist es ziemlich spannend.

Und für alle, die noch suchen und nicht wissen, nachdenken und Angst haben – das ist auch in Ordnung. Ich weiß, das klingt wie ein Schlagwort, wie eine nichtssagende Floskel, aber es wird besser. Nicht direkt, nicht mit allen, aber, Schritt für Schritt, langsam, kann man lernen, dass queer sein ganz okay ist. Am Ende des Tages, abgesehen von der ganzen Politik und den Problemen der LGBT+ Community, geht es darum sich gut zu fühlen und in diesem Tal der Tränen ein paar nette Momente zu genießen. Und wenn sprichwörtliches Schwanzwedeln und bunte Flaggen dabei helfen sollten – ja dann warum denn nicht?


Einleitung:

  1. Encyclopædia Britannica, Gay Pride, https://www.britannica.com/topic/Gay-Pride

Label:

  1. Online Etymology Dictionary, Queer, https://www.etymonline.com/word/queer
  2. Oxford English Dictionary, Queer, https://www.oed.com/oed2/00194686;jsessionid=29800D0408C3B2E9D6BF3ACB049B00E7
  3. Columbia Journalism Review, How the word ‘queer’ was adopted by the LGBTQ community, https://www.cjr.org/language_corner/queer.php
  4. J.R.R. Tolkien, The Fellowship of the Ring, 2007, Harper Collins, London
  5. The American Heritage Dictionary of the English Language, Queer, https://www.ahdictionary.com/word/search.html?q=queer
  6. Planned Parenthood, What does queer mean?, https://www.plannedparenthood.org/learn/teens/sexual-orientation/what-does-queer-mean
  7. The Gay Center, What is LGBTQ?, https://gaycenter.org/about/lgbtq/
  8. Stonewall, Glossary of Terms, https://www.stonewall.org.uk/help-advice/faqs-and-glossary/glossary-terms
  9. Gay Star News, Five alternative terms you can use instead of LGBT, https://www.gaystarnews.com/article/five-alternative-terms-instead-lgbt/
  10. Them., 9 LGBTQ+ People Explain How They Love, Hate, and Understand the Word “Queer”, https://www.them.us/story/what-does-queer-mean
  11. Daniel Howell, Basically I’m Gay, https://www.youtube.com/watch?v=lrwMja_VoM0&ab_channel=DanielHowell

Medien:

  1. Time, Watch This Heartwarming Ad Showing Two Dads Impersonating Star Wars’ Darth Vader, https://time.com/4068363/campbells-soup-star-wars-gay-dads-father-ad/
  2. IMDB, Shelter, https://www.imdb.com/title/tt0942384/
  3. IMDB, Latter Days, https://www.imdb.com/title/tt0345551/
  4. IMDB, Brokeback Mountain, https://www.imdb.com/title/tt0388795
  5. IMDB, Call Me By Your Name, https://www.imdb.com/title/tt5726616
  6. IMDB, Rent, https://www.imdb.com/title/tt0294870/
  7. IMDB, Were the World Mine, https://www.imdb.com/title/tt0476991/
  8. John Elton, Me, 2019, Henry Holt and Co., New York
  9. IMDB, Rocketman, https://www.imdb.com/title/tt2066051
  10. IMDB, Christopher and His Kind, https://www.imdb.com/title/tt1651062
  11. Christopher Isherwood, A Single Man, 2011, University of Minnesota Press, Minnesota
  12. IMDB, A Single Man, https://www.imdb.com/title/tt1315981/
  13. Tyler Oakley, Videos, https://www.youtube.com/c/TylerOakley/videos
  14. Instagram, Michael Buckley, https://www.instagram.com/heymichaelbuckley/
  15. Lucas, Times The World Almost Ended, https://www.youtube.com/watch?v=RjS9Rm2wDsA
  16. MacDoesIt, Reacting to Anti-Gay Responses on Lil Nas X’s Latest Music Video, https://www.youtube.com/watch?v=nOvfifcEkfo&ab_channel=MacDoesItMacDoesItVerified
  17. Gigi Gorgeous, MY SPERM BANK EXPERIENCE | Gigi, https://www.youtube.com/watch?v=z4CXfdy-RHA&ab_channel=AlexBertieAlexBertie
  18. Alex Bertie, 5 Transgender Video Game Characters, https://www.youtube.com/watch?v=jOvT-hWSYm0&ab_channel=AlexBertieAlexBertie
  19. ContraPoints, “Transtrenders” | ContraPoints, https://www.youtube.com/watch?v=EdvM_pRfuFM&ab_channel=ContraPoints
  20. Sam Collins, The Return of Straight Tik Tok, https://www.youtube.com/watch?v=gXNFKZzRmTU&ab_channel=SamCollinsSamCollinsVerified

Wortschwall (Rant):

  1. Tedx Talks, My descent into America’s neo-Nazi movement & how I got out | Christian Picciolini | TEDxMileHigh, https://www.youtube.com/watch?v=SSH5EY-W5oM&ab_channel=TEDxTalksTEDxTalksVerified

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