Ich weiß nicht genau wie viele Jahre ich schon YouTube schaue, aber mehr als zehn werden’s bestimmt sein. Es hat ganz unschuldig angefangen, ein Musikvideo hier, ein lustiges Meme-Video da, doch dann, ganz unbemerkt, wurden daraus schlaflose Nächte und endlose Stunden in denen ich mich auf der Welle des Algorithmus hab treiben lassen. Ich weiß nicht genau, wie diese ersten Jahre aussahen, wie ich interessante Dinge gefunden hab (es gab ja auch noch nicht so viel) und außerdem habe ich es damals primär als Quelle für mein Englisch-Lernen genutzt. Aber na klar, irgendwann war das Lernen dann auch nur ein Vorwand, um mir stundenlang Videos reinzuziehen, die ich einfach cool fand, bis YouTube mein Hauptmedium für Unterhaltung wurde, was es bis heute ist.
Ich kannte aber nur die englische/amerikanische YouTube-Szene. Vlogger, die ersten Influencer – das habe ich alles mitbekommen. Ich habe auch nach nichts Anderem gesucht. Klar, ein paar polnische Figuren waren mir schon bekannt, das war’s aber auch. Bis letztes Jahr, als ich, nachdem ich meinen Job gekündigt hatte, in dem ich viel Deutsch sprechen konnte, das Verlangen verspürte meine Vatersprache doch wieder zu hören. Nochmal ‘Die Tribute von Panem’ auf Deutsch zu lesen hat dann doch nicht gereicht, also habe ich mich auf die Suche nach der deutschen YouTube-Szene gemacht.
Und meine Güte, was ich da gefunden habe. Es hat mit Funk angefangen, aber zu dem Thema habe ich schon genug Lob niedergeschrieben. Es hat mich jedenfalls auf die Fährte der nicht-ÖRR YouTuber gebracht und was ich dort vorfand war eine gut entwickelte, kommerziell erfolgreiche, interessante, natürlich auch teilweise asoziale, aber immerhin ziemlich unterhaltende Gemeinschaft mit Stunden an Content, für die ich, gegeben der Umstände des Jahres 2020, genug Zeit hatte, um sie mir durch die Augen zu jagen. Es hat erschreckend wenig Zeit gebraucht bis ich mich auskannte und Namen, Gesichter und Vorkommnisse in den verschiedensten Crossovers wiedererkannt habe.
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Kurze Bemerkung am Rande: außer dem, was ich weiter im Artikel beschreiben werde, habe ich auch bei der Gelegenheit eine komplett neue Jugendsprache entdeckt, die mich absolut fasziniert. Es hat auch ein, zwei Tage gedauert bis ich überhaupt verstanden habe was teilweise gesagt wird. Als ich aus Deutschland ausgezogen bin gab es das in diesem Ausmaß noch gar nicht, ich kann mich nur erinnern, dass ich bei früheren Besuchen festgestellt hatte, dass Jugendliche immer zu allem ‘nice’ sagen. Und viele Jahre war das meine Antwort, wenn mich jemand gefragt hat wie die Jugendsprache in Deutschland aussieht. Dass es viele Anglizismen gibt und dass alles immer ‘nice’ ist. Im Studium in Mainz habe ich keine wirklichen Anzeichen einer Jugendsprache oder Meme-Begriffen bemerkt, ich kann mich vielleicht nicht daran erinnern, oder in meinen Kreisen wurden diese einfach nicht verwendet. Ich selbst beherrsche jedenfalls eigentlich nur das ‘Buch-Hochdeutsch’, will ich es mal nennen, und das nicht mal richtig ordentlich.
Was dann also rauskam war, dass die Jugendsprache, oder vielleicht nur die Internetsprache (obwohl es glaub ich da schon Parallelen gibt), viel mehr als nur Anglizismen hatte. Ich habe natürlich wieder eine Excel-Tabelle zu dieser Gelegenheit erstellt, die ich kurz zusammenfassen möchte.
Für mich bilden sich zwei Hauptkategorien der Jugendsprache, die ich in den Videos wahrgenommen habe. Einmal sind es ausländische Begriffe und dann deutsche Begriffe in einer neuen Auffassung. Unter den Ausländischen konnte ich drei Kategorien feststellen: Begriffe aus internationalen Sprachen, englische Begriffe und dieses ganze ‘Vong’-Ding.
Mit den internationalen Begriffen finde ich es spannend wie viele aus dem türkischen/arabischen Raum stammen. Ich kann schwer einschätzen wie das von verschiedenen Gruppen in Deutschland wahrgenommen wird, aber ich persönlich finde es cool, dass plötzlich alles baba ist und mashallah allgegenwärtig Freude ausdrückt und nicht zu vergessen, der herzensgute Alman. Scheint mir ein positives Anzeichen von Integration und Verständnis zu sein, aber ich bin da kein wirklicher Experte.
Mit den englischen Einflüssen ist es etwas anders. Soweit ich das verstehe gab es diesen großen Hype auf die ‘Vong’ Sprache, Money Boy ist mir dabei auch ein Begriff, und es ging darum auf eine sehr Meme-artige Weise Deutsch und Englisch zu vermischen, wobei sich auch bestimmte Wörter als besonders markant etabliert haben, wie I bims oder eins (1 – anstatt ‘ein’, z.B. 1 Apfel). Der folgende Satz ist vulgär, was bei Vong kein Muss ist, und stammt noch dazu aus einem Sketch über die Sprache selbst, aber ich denke es ist ein ziemlich gutes und konkretes (und verdammt lustiges) Beispiel dieses Soziolektes: Oder wollen Sie hier die shortness Ihres cocks mit 1 nicem car compensaten.
Außerhalb der Vong-Sprache gibt es aber auch noch reguläre Anglizismen die häufig in der Jugendsprache, oder generell im Deutschen mittlerweile, vorkommen, und hierbei handelt es sich entweder um wortwörtliche Übernahmen, so wie drip, heavy, whack, usw., aber auch um englische Begriffe die nach den deutschen Grammatikregeln dekliniert werden, so kann man also on fire sein oder zu etwas abcringen. Vereinzelt kommen auch Lehnübersetzung vor, wie z.B. die Frage Ist das so? am Ende einer Aussage, wie bei dem englischen Is that so?
Was ich aber viel überraschender fand als diesen Bereich war wie sehr sich die deutschen Begriffe selbst verändert haben. Hier habe ich zwei Kategorien festlegen können: deutsche Wörter, die in einen neuen Kontext gestellt werden, und somit eine neue Bedeutung gewonnen haben, und für mich komplett neue Begriffe. Bei den rekontextualisierten Wörtern handelt es sich um solche Begriffe wie Absturz, was ich als Äquivalent des fails deute, anders (Adjektiv), wenn etwas anders komisch oder anders hässlich ist, wenn eskalieren sowohl feiern, sich besaufen, also auch ‘ausarten’ generell bezeichnet, feiern im Sinne von Ich feier das! – ‘es gefällt mir’ und Sachen wie muss los und gar kein Bock, die irgendwie auch Kultausdrücke darstellen. Ich mag auch sowas wie Lauch, früher würde man ‘Beta-Mann’ sagen, glaub ich, und rasieren im Sinne von ‘qualitativ hochwertig sein’, was so eine komplette Rekontextualisierung darstellt, dass man es doch einfach nur lieben kann.
Zuletzt noch die Wörter die ich in solcher Form gar nicht kannte, so wie am Start sein, Gönnung, Para, so welcher, sich etwas geben, Freundschaftsbeweise wie Digga und Brudi, Verstärkungen von Ausdrücken, wie wenn etwas des Todes ist und mein absoluter Favorit, den ich glaub ich leider nicht-ironisch nicht anwenden kann (obwohl es so geil wäre): wenn man so gut in etwas ist, dass man dessen Vater ist, oder generell irgendein Familienteil. Hobby-Escape-Room-Bauer die Detektiv Conan sein Vater sind, solche Sachen. Ihr oder sein Baby kann man auch sein und wer weiß was noch alles. Ich lieb’s jedenfalls.
Diese ‘kurze Bemerkung’ zu der Jugendsprache ist ein wenig eskaliert, aber es ist nunmal ein Nebenprodukt der Sache mit der ich mich in diesem Artikel beschäftigt habe. Außerdem ist es eine ziemlich krasse Erkenntnis, wenn man seine eigene Sprache nach viele Jahren nicht direkt wiedererkennt, weil plötzlich andere Regeln gelten. Ich sehe sowas aber nicht negativ, ganz im Gegenteil – es ist einfach nur spannend.
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Eine Geschichte ist bei mir dabei so sehr hängen geblieben, dass ich, bevor ich mich entschieden hatte diesen Blog zu starten, wusste, dass ich darüber schreiben wollen würde. Wo ich jetzt wohne kann ich es sowieso schlecht mit jemandem teilen, denn wen interessieren in Polen schon irgendwelche deutschen Dudes die irgendwas Komisches auf YouTube Deutschland machen. Außerdem kann ich diese Geschichte auch in einen größeren Kontext an Themen, die mich interessieren, stellen und mir somit selbst einen Grund geben ein bisschen zu recherchieren.
Vorerst aber die Geschichte – wie im Titel angekündigt – die Geschichte zweier Bros.
- TeamBro vs TeamWill
Ich habe Streiche schon immer gehasst und ‘Pranks’ sowieso, besonders als sie auf YouTube beliebt wurden und sich dann herausstellte, dass sie meist gefaket und ziemlich toxisch oder sogar gefährlich sind. Pranks, manchmal dem Algorithmus’ Willen als ‘soziale Experimente’ gekennzeichnet, sind im Großen und Ganzen fiese Streiche die man sich gegenseitig, oder was schlimmer ist, fremden Menschen, spielt. Das nimmt man dann auf und macht viele Klicks. Vor der YouTube-Zeit war Jackass, die verrückte Produktion von Steve-O und seiner draufgängerischen Bande, der Vorreiter dieser Art von Content (obwohl die Jungs auch anderen komischen Scheiß gemacht haben, aber zumindest weniger dreist Fremden gegenüber waren), jedenfalls ging es darum immer krasser zu sein und Streiche zu spielen.
Als ich dann also im Rausch der deutschen Videos von Creator zu Creator gesprungen und über diesen sagenhaften Prank-Wettstreit zweier Typen und ihrer Teams gestolpert bin, war ich anfangs nicht so scharf darauf mich mit den Videos zu befassen. Aber hey, man muss ja wissen was genau und warum man etwas verurteilt, also habe ich angefangen die erste Staffel zu schauen.
Und dann war das Wochenende plötzlich vorbei und ich hatte alles gesehen. Das war im Herbst 2020 und zu dem Zeitpunkt war meine mentale Gesundheit so ziemlich im Keller. Und dann war da diese mitreißende Geschichte, die mir das erste Mal in einer Weile ein richtiges Gefühl von Versenkung beschaffen hat. Ich musste unbedingt wissen, was weiter passiert und jede nächste Folge war ein Abenteuer in sich. So sehr ich die Videos auch mehrmals sehen wollte habe ich mich zurückgehalten und sie bis jetzt aufgespart, damit ich die Inhalte mit etwas Abstand nochmal als ganzes Produkt betrachten konnte, und ich habe drei Tage im März nichts anderes gemacht, als diese verdammten Videos zu schauen, seitenweise Notizen zu machen und natürlich eine Excel-Tabelle zu erstellen, aber über die schreibe ich noch später.
So atemberaubend wie beim ersten Mal war die Geschichte dann doch nicht mehr, aber sie war trotzdem interessant genug, dass ich immer noch darüber erzählen möchte. Gleich geht’s los, vorab nur ein kleiner Disclaimer: falls jemand, der in dieser Geschichte vorkommt, diesen Text um Himmels willen lesen sollte, nehmt es mir bitte nicht persönlich. Das besprechen wir im dritten Teil noch genauer, aber das hier ist nur eine Geschichte und die Charaktere sind genau das – nur Charaktere.
In Bezug auf die Vorgeschichte des Ganzen kann ich eigentlich nur sagen, dass es anscheinend gang und gäbe war sich gegenseitig Streiche zu spielen, und so kam dann auch der offiziell erste Prank der Serie zustande – 5000 Becher Wohnung Prank ! [sic]. Eigentlich ein ziemlich lustiges Video, der eine stellt die Wohnung des anderen mit Bechern voll, erklärt sich eigentlich von selbst, es gibt eine entrüstete Reaktion, alles so, wie es sein sollte. Ich kann mir natürlich nicht sicher sein, aber es erscheint mir als ob die beiden Protagonisten eigentlich gar nicht geplant hatten, daraus so ein großes Ding zu machen. Dieses erste Video erscheint kontextlos in der Playlist und es gibt noch keine Rede von irgendeinem Wettkampf.
Na gut, die Serie ist also gestartet, aber um was geht es denn eigentlich? Man stelle sich Romeo und Julia vor, nur ohne die grenzwertig problematische Teenie-Liebesgeschichte – zwei Häuser, zwei Familien, die miteinander im Streit um Ehre sind. Natürlich ist es im Falle der YouTube-Serie nicht so ernst, aber trotzdem war das irgendwie meine erste Assoziation.
Einerseits haben wir Rob, Kanalname CrispyRob, das Oberhaupt des TeamBro, eigentlich ein Koch-Youtuber, der aber anscheinend auch bei anderen YouTube-Geschichten dabei war und verschiedene Arten von Content gemacht hat. So wirklich wichtig ist es in diesem Kontext aber auch nicht. Auf der anderen Seite ist Simon Will, Musiker, bekannt für Schnell-Rap und als Teil des Funk-Netzwerkes. Na gut, ob er wirklich für Letzteres bekannt ist kann ich nicht einschätzen, jedenfalls gehört er dazu. Er ist das Oberhaupt von Team Will. Viel mehr kann ich die beiden auch nicht beschreiben, es sind halt zwei junge, coole Draufgänger, es gibt kleine Unterschiede im Alter und im Hintergrund, aber so wirklich sind die beiden in den, im Kontext dieser Geschichte, wichtigsten Sachen ziemlich gleich, was auch eine Stärke der Serie ist.
Zu den beiden Hauptfiguren kommen dann noch Mitbewohner, Freunde und Familienmitglieder, jeder der irgendwie einen Teil bei den ganzen Pranks hatte, wenn auch nur als Zuschauer. Die Serie spielt in Köln in den Jahren 2017-2019. Die meisten Pranks finden in den zwei Wohnungen der Hauptdarsteller statt. Crews und Orte ändern sich von zu Zeit zu Zeit, aber eines bleibt gleich – obwohl es TeamBro vs TeamWill heißt, stehen die beiden Oberhäupter im Vordergrund und das ist nichtmal böse gemeint. Die ganze Serie funktioniert nur deswegen, weil es zwei charismatische Protagonisten gibt, die nichts mehr erstreben wollen, als ihre Ehre zu bewahren. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig kindisch, aber im Großen und Ganzen läuft es darauf hinaus – jeder Streich ist ein Schlag gegen das Ego und jede Challenge läuft hinaus auf ‘tu das, oder gib zu du, dass du schlechter bist’. Das alles ist in einen liebevollen Wettstreit verpackt, bei dem mehrmals unterstrichen wird, dass es ‘nur um Spaß und Freundschaft geht’, was dazu führt, dass die Geschichte so ernst ist, dass man mitfiebern kann, aber nicht so ernst, als dass es lächerlich erscheinen würde.
Wie schon erwähnt, beginnt die erste Staffel mit einem ziemlich harmlosen Prank. Generell sind die Videos der ersten Staffel ziemlich harmlos, besonders im Gegenzug zu dem, was noch passieren wird. Es gibt 13 Folgen, in denen von Video zu Video das Einfallsreichtum und die Einsätze immer ein bisschen gesteigert werden. Zusammen mit den Zuschauern lernen die Protagonisten wie das Game eigentlich funktioniert, und entscheiden, dass es überhaupt ein Game gibt. Es fängt damit an, dass Simon sich bei Rob für die Becher rächen will, dann rächt sich Rob zurück, und so wird aus einem harmlosen Spiel ganz schnell ein Wettstreit bei dem es darum geht zu zeigen, wer der Prank-Meister ist.
Es macht Spaß dabei zuzuschauen. Die Aufbau-Aktionen, die Überfälle des Baumarktes mit Freunden, das sieht alles verdammt spaßig aus. Dann die Vorfreude auf die Reaktionen, besonders da jedes Video immer mehr verlangt. Aus 5000 Bechern, was eh schon verrückt ist, werden dann ganze Inszenierungen mit selbstgebauten Katapulten und Ähnlichem. Jeder Prank muss den nächsten übertreffen, die Spannung muss natürlich steigen. Es muss anstrengender, kreativer und für den Gegner immer schockierender werden. Ich denke dieser Moment, wenn man über Monate im Game und endlich wieder an der Reihe ist, da will man schon abliefern. Man will nicht nur eine gute Show machen, man will sich auch beweisen. Und, wohlgemerkt, hier gibt es keine Produzenten und keine TV-Budgets. Ich weiß, Authentizität auf YouTube ist ja ein Thema für sich (besonders da es mittlerweile ein ernstzunehmender Konkurrent in der Medienbranche ist, aber dazu kommen wir noch), aber ich glaube es den Jungs, wenn sie sich 2017 wirklich einfach nur gegenseitig reinlegen wollten und mehr Motivation als Sinn für Strategie hatten.
Meine Lieblingsfolgen, oder Lieblingsstreiche eigentlich, aus dieser Staffel sind zum einen das XXL Katapult (was eigentlich nur eine Punchline einer Gameshow ist) und das XXL Lasergame. Bei dem Katapult entwickelt Simon eine eigene, kleine Gameshow zum Thema (Schlag den Will) und was mich daran fasziniert ist wie einfallsreich und umfangreich dieser Prank/Challenge/was auch immer gemacht ist. Natürlich geht es darum Rob eine ziemlich clevere Falle zu stellen und die Latte immer höher zu legen, aber nur für den Aufwand selbst muss ich diesen Prank bewundern. Zum anderen mag ich das Lasergame, weil ich Spionagefilme mag, aber auch weil es wieder aufwendig und irgendwie aufregend ist, da in dem Fall noch Zeitdruck besteht.
Ein wahrer Vorzeigeprank ist aber der mit der Wüste, kurz gesagt verschüttet Rob 2 Tonnen Sand in der Wohnung von Simon und bildet eine kleine 1001 Nacht-Phantasie, natürlich noch mit einem kleinem Jumpscare. Aber dieser Prank wiederum, obwohl er nicht zu meinen Favoriten gehört, ist einfach zu verstehen und einfach zu erinnern und zeigt genau worum es eigentlich bei diesem Spiel geht, und auch das mögliche Ausmaß der kreativen Anstrengungen.
Gegen Ende der Staffel werden die Pranks schon perfider, denn es werden Türen und Fenster und sogar Klos geklaut. Persönlich würde ich so etwas nicht gerne zum Opfer fallen, aber als Steigerung der Spannung innerhalb der Geschichte der zweier Bros ist es schon bewegend. Es kam mir am Anfang auch ein wenig zu fies vor, aber eigentlich war es nur eine gute Vorbereitung darauf was Staffel 2 zu bieten haben würde. Es muss immer weitergehen und was wäre denn ein gutes Streichspiel ohne ein paar persönliche Attacken.
Das erste Finale ist eine einfache Entscheidung, eine Abrissparty und ein ziemlich gut produzierter Song, der auf die nächste Staffel vorbereitet. Über YouTube-Musik kann man sagen was man will, aber man kann nicht abstreiten, dass einige es schon richtig drauf haben, besonders wenn die Szene ihre eigenen, ziemlich anspruchsvollen Standards entwickelt.
Staffel 2 ist eine andere Art von Show. Es ist die längste Staffel, mit 32 Folgen. Es sind aber nicht nur Prankvideos, sondern es zählen auch Vlogs dazu. Man merkt sofort, dass es ernster wird, denn die Produktion sieht anders aus. Es gibt einen konkreten Anfangspunkt, den Prank-Schwur, der die einzige Regel des Spiels festlegt – es gibt keine Regeln. Also ist alles erlaubt, was erstmal dramatisch klingt, aber auch die Tür für komische Sachen öffnet. Ich kann keinen Prank so wirklich als meinen Favoriten aus dieser Staffel wählen (außer vielleicht die visuell beeindruckende Aktion mit der Konfettimaschine) und betrachte lieber das Gesamtbild – eine pure Eskalation. Ich weiß nicht wieviel davon vorgeplant war, ich glaube den Jungs, dass es nicht gestellt war, aber na klar, man merkt, dass es nicht nur noch um die Pranks geht, sondern auch Vlogs und Crosspromo beider Kanäle dazu kommen, aber da ist ja nichts Verwerfliches dran.
Alles fängt wieder relativ harmlos an, mit ein bisschen gegenseitig sich die Wände anmalen. Ein wiederkehrender Charakter in der Geschichte ist der ‘böse Vermieter’ von Rob, der bloß nichts von all den Faxen mitkriegen darf. Man ist zu laut, die Wände müssen immer wieder weiß gestrichen werden – so sehr ich für die Jungs bin, ich denke als Besitzer kann das auch ziemlich stressig sein. Wie dem auch sei, Wände werden also bemalt, mit Farbbomben beschmissen, Logos werden geschändet, es wird immer heikler. Dann wird es wieder persönlicher, als Simon die Herausforderung gestellt bekommt sich tätowieren zu lassen. Es sei denn, er verliert die Staffel und gibt zu, dass ‘Team Bro das bessere Team ist’ – vielleicht klingt das leichtsinnig oder lächerlich, aber in dem Moment muss es ein unglaublicher Nervenkitzel und Druck gewesen sein. Als Schlüsselmoment in der Geschichte ist er auch nicht zu unterschätzen – man merkt, es geht um alles oder nichts.
Ab da wird alles nur noch verrückter und komplizierter, ich sage nur DIY-Escape Rooms, singende Wegweiser, zugemauerte Wände und Vogelspinnen-Tresore. Das alles spitzt sich so zu, damals muss es einfach die Spannung pur gewesen sein auf das nächste Video zu warten, darauf dass die Hauptdarsteller Dinge tun, die vielleicht schon einen Schritt zu weit gehen.
Und dann ist plötzlich Funkstille. Drei Monate nichts, und es geht mit so einem Schlag ins Gesicht los, dass es eigentlich verständlich ist, warum der letzte Monat der Staffel so negativ ausgeartet ist. Simon hat seine Wohnung wieder in Topform gebracht und drei Tage später malt Rob wieder alles pink an. Irgendetwas ist dann gebrochen, etwas wurde ausgelöst, was man nicht wieder zurückdrehen konnte. Die nächsten Aktionen waren wenige, aber sie hatten es in sich: mit Geschenkpapier tapezierte Wände, geklaute Möbel und der Prank, der anscheinend fast die Freundschaft auseinander brachte – als Simon das selbstgebaute Heimkino von Rob geklaut hat. Der Moment der Reaktion von Rob war Gold wert, aber ich wäre nicht gerne in seiner Haut gewesen. Soweit ich das nachvollziehen kann war dieser Schritt von Simon sehr kontrovers und es mussten Realtalk-Vlogs folgen, um die Stimmungen zu bändigen.
Und dann kam es zum finalen Showdown. Man hat gemerkt, wie viel Anspannung zwischen den zwei Protagonisten herrschte – sie schienen auf den Kampf bereit zu sein, wollten sich beweisen und einige Sticheleien gab es auch. Das Finale fand in der geschändeten Wohnung von Simon statt, das Publikum saß im geklauten Kino. Der Moderator war ein anderer YouTuber, Danergy, der auch den Staffel 2 Song produziert und gesungen hatte und manchmal als Nebenfigur in der Show vorkam. Der Showdown passierte an Heiligabend und das Video war das bisher längste der ganzen Serie – fast 40 Minuten.
Der finale Wettstreit war genau das, ein Wettkampf um den Sieg. Es gab einige Disziplinen, Geschicklichkeit, Wissen, Teamgeist und so weiter. Was mich am meisten dabei fasziniert hat war wie viel Nervenkitzel es bei der ganzen Sache gab. Ich meine im Endeffekt haben die Jungs sich mit Spielzeugen duelliert oder Partyspiele gespielt, und so wirklich ging es ja um nichts, aber ich habe so stark mitgefiebert, dass ich meine Augen nicht von dem Bildschirm reißen konnte. Der Höhepunkt war dann die letzte Disziplin – das Glück. Es lag 2:2, also musste die Entscheidung her. Ein kontroverser Schritt, denn es handelte sich um einen Münzwurf (von einem Meister im Münzwurf, wohl gesagt, wie kommt man denn auf sowas) und alle waren entsetzt. “Und das war’s oder was?”, fragt Simon entgeistert, als die Münze antiklimatisch in der Faust des Münzmeisters landet, aber das Ergebnis noch nicht bekannt ist. Dann, nach einem TV-ähnlichen Spannungsaufbau wird der Sieger gekrönt und man kann förmlich sehen, wie fertig mit den Nerven die Jungs sind, und wie nach einer Weile die positiven Gefühle zueinander zurückkehren, da der Kampf nun zu Ende und die Entscheidung gefallen war. Ich finde, es hätte kein besseres Ende der Staffel geben können. Keine Regeln – und das hat dieser Münzwurf perfekt verkörpert.
Nach einem halben Jahr Pause, indem die Zuschauer wahrscheinlich ständig nachgefragt haben, wann denn wieder Pranks kommen würden, startete Rob die dritte Staffel mit einer kleinen Ansage im Stil von Game of Thrones – oder Game of Pranks, besser gesagt. Er bereitete eine Kulisse in Simon’s Wohnung vor, kam als Jon Snow mit Eisernem Sessel vorbei, zwang Simon in ein Khaleesi-Kostüm und im Sturm künstlichen Schnees berieten sich die Jungs darüber, wie es weitergehen sollte.
Im Endeffekt wird ausgehandelt, dass jeder Prank eine Herausforderung mit sich bringen soll, die der Andere bewältigen muss, um sich zu beweisen. Außerdem werden die Wohnungen in Ruhe gelassen und jedes Video kriegt ein bestimmtes Thema. Die Staffel ist kürzer, mit 18 Videos, die einzelnen Challenges ziehen sich über mehrere Folgen, also gibt es insgesamt weniger Pranks, aber die Produktionsqualität ist so heftig angestiegen, dass man es ihnen nicht übel nehmen kann.
Bei dieser Staffel fand ich tatsächlich alle Pranks beeindruckend und Favoriten habe ich einige. Der erste wahre Prank, als Simon Rob auf eine einsame Insel im Mediapark in Köln lotst, ist einer davon. Es ist nichtmal unbedingt der Nervenkitzel und die Waghalsigkeit der ganzen Aktion, sondern auch die Hinterlistigkeit. Tage zuvor kam ein anderes Video online, das eigentlich nichts mit dem großem Spiel zu tun hatte, es war nur ein bisschen ASMR-Fluff. Und trotzdem, in diesem Video täuscht Simon vor eine Fanfiction vorzulesen, die eigentlich ein Hinweis auf den nächsten Prank ist, was Rob aber nicht mitkriegt. Für mich eine spannende und einfallsreiche Aktion.
Dann folgen andere große Pranks, Schnitzeljagden und Herausforderungen, The Pranking Dead, Pranking Bad, Prankos und zum Schluss der Jokester. All diese Aktionen sind ganze Geschichten, mit Kostümen, Charakteren, Videospiel in Echt-Elementen, ausgearbeiteten Grafiken und ganz viel Schauspielerei. Teilnehmer werden vom Flughafen abgeholt und vor den Käse-Mafia-Boss gebracht, es wird nachts durch den Wald gerannt, ausgebrochene Sträflinge werden angetroffen und in verlassenen Wohnwagen werden Rauchbomben gezündet. Einer der Höhepunkte war die Rettung der Mitbewohner aus einer verlassenen Fabrik, wo Rob sich durch das Gelände auf Urbex-Basis schleichen und auf einen Kamin klettern musste. Der vorletzte Prank war ein Escape Room im neuen Haus des TeamBro und zu guter Letzt kam ein intensiver, Gotham-angehauchter Escape Room in einer Höhle.
Man merkt sofort, dass diese Staffel nicht wie die anderen ist. Einerseits war es eine gute Entscheidung weitere Verwüstungen der persönlichen Räume zu vermeiden und andererseits muss es ja immer weiter gehen. Das Niveau muss steigen und wo geht man denn da noch hin, wenn man schon alles in den gegenseitigen Wohnungen angestellt und damit fast das Fass zum überlaufen gebracht hat? Diese draufgängerischen Herausforderungen außerhalb der sicheren eigenen vier Wände bieten auch ein zusätzliches Level an Spannung und zudem viel mehr Möglichkeiten, denn die Räumlichkeiten und der Spielraum in den Wohnung sind ja beschränkt.
Das Finale ist wieder ein Wettstreit, diesmal mit Moderator Marc Eggers. Man schaut die Folge wie als wäre sie mindestens vom Fernsehen produziert – knappe Schnitte, gute Beleuchtung, unterhaltende Spannung, einfach richtig gut gemacht. Man merkt wie sich die Fähigkeiten der Teams in jeder Hinsicht über die Jahre verbessert haben und es ist einfach eine geile Folge. Wieder geht es um einzelne Disziplinen und zum Schluss kommt auch wieder das Glück – diesmal aber mit einem Schein von Handlungsmacht, in der Form einer meiner Lieblingsspiele – Egg Roulette, oder ‘Russisch Rohlette’, wie es in diesem Fall genannt wird. Ein Karton Eier, alle außer einem sind hartgekocht und man schlägt sie sich selbst gegen die Stirn. Wessen Haare am Ende mit Ei konditioniert werden, der hat verloren – und was für ein prächtiger Abschluss der dritten Staffel. “So schnell kann das auch vorbei sein”, quittiert Rob und es gibt keinen übertriebenen Jubel, eher eine behagliche Bestätigung der Freundschaft und ganz viel Erleichterung.
Ich finde diese Entwicklung der Serie sehr beeindruckend und vor allem sehr klug, denn wenn es um die Erzählung einer Geschichte geht, muss man eine außergewöhnlich feinfühlige Balance zwischen ‘dem Publikum geben was sie kennen und mögen’ und ‘was Neues, was ihre Aufmerksamkeit hält’ finden. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn die dritte die letzte Staffel wäre. Jede Geschichte hat ihre Zeit und sie einfach künstlich für Geld oder Klicks oder was auch immer in die Länge zu ziehen hat meistens keinen Sinn, nicht jedenfalls wenn es um den Wert der Geschichte selbst geht. Das ist heutzutage öfters ein Problem, finde ich, wenn große Studios nicht merken, dass die Geschichten, die sie erzählen, eigentlich schon vorbei sind. Endlose Remakes und Fortsetzungen, wo plötzlich Tote wiederauferstehen oder man Handlungen mit Zeitreisen spannend machen will – ein Thema, über das ich lange lästern kann. Lieber es also anzuerkennen, wenn dem nicht so ist, und ich denke im Falle des TeamBro vs TeamWill kann man davon ausgehen. Nicht, dass ich eine nächste Staffel nicht schauen würde, besonders um zu sehen, wie die beiden Creator das Format hoffentlich wieder auf den Kopf stellen würden – aber so ist es auch gut. Es ist ein markantes Erbstück der deutschen YouTube-Geschichte und, gewollt oder nicht, eine verdammt gute Story.
Wie vorhin angedeutet, kommt jetzt noch meine Excel-Tabelle zum Einsatz. Ich möchte ein bisschen über die Daten die ich gesammelt und ausgewertet habe schreiben, auch um dem Ganzen einen etwas konkreteren Rahmen zu verpassen. Die ganze Serie TeamBro vs TeamWill hat, den Playlists nach, die ich für diesen Zweck unter die Lupe genommen habe, insgesamt 63 Folgen und eine Gesamtlänge von 14 Stunden und 38 Minuten, dauert also ca. so lange wie Rick and Morty (Staffeln 1-4). Mit den Zuschauerzahlen von dieser Serie können sich die Jungs aus Köln nicht wirklich messen, da alleine die Anzahl der Views von Rick and Morty in den USA schon bei 75,46 Millionen liegt, laut Wikipedia jedenfalls, und ich bin mir sicher, dass die eigentliche Zahl viel größer ist. Aber dennoch haben die zwei YouTuber nicht schlecht abgeschnitten. Zum Glück ist es auf YouTube viel einfacher die Anzahl der Klicks nachzuverfolgen, was mir diesen Teil der Arbeit erheblich erleichtert. Die ganze Serie hatte, an den Tagen, als ich meine Recherche gemacht habe, also im Zeitraum von 13.03.2021 – 16.03.2021, eine Gesamtzahl von knapp 60 Millionen Klicks (59,766,595 um genau zu sein), knapp 3 Millionen Likes (2,856,000) und nur um die 65 Tausend Dislikes (65,296). Nicht schlecht, besonders wenn man davon ausgeht, dass das alles nicht mal so geplant war, zumindest nicht am Anfang.
Die Statistiken der einzelnen Staffeln haben mich nicht besonders überrascht. Die längste und am besten bewertete Staffel war die Nummer 2, mit einer Länge von 6 Stunden und 36 Minuten und über der Hälfte der gesamten Klicks – 30,249,483 – und der Mehrheit der Likes – 1,379,000. Staffel 3 hat am schlechtesten abgeschnitten, denn obwohl sie fast so lange dauert wie Staffel 2 (5 Stunden und 7 Minuten), hat sie nur knapp über 8 Millionen Klicks (8,282,200) und nur 679,000 Likes eingeräumt. Staffel 1, mit 2 Stunden und 54 Minuten, hatte dafür nur die länge eines Spielfilms und hat sogar kürzer gedauert als The Wolf of Wall Street. Sie hat aber gut Klicks eingeholt, 21,234,912 und dazu 789,000 Likes. Die kürzesten Folgen waren verschiedene Zwischenansagen und die längsten die Finalrunden aus Staffel 2 und 3.
Mehr aber nun zum Inhalt. Ich habe die Folgen in verschiedene Kategorien unterteilt und was dabei heraus kam war, dass die häufigste Art von Content, die in der Serie vorkam, Vlogs waren. An zweiter Stelle waren tatsächliche Pranks, dann kamen verschiedene Herausforderungen: Challenges, Schnitzeljagden und Escape Rooms. Dann gab es noch andere Arten von Inhalten, Ansagen, Game Shows, Reactions, ein Lied, Mini-Pranks und Alibi-Challenges (also verschiedene Spiele, die von den wahren Pranks abgelenkt haben). Bezüglich der Kanäle, wo die Serie hochgeladen wurde, ist Simon definitiv an erster Stelle, denn 35 Videos erschienen auf seinen Kanälen, Simon Will und simon will freunde. CrispyRob hat 27 Folgen der Serie hochgeladen und eine ist auf Danergy’s Kanal gelandet – der Song.
Was ich noch errechnet habe in Bezug auf Inhalt war wo die Pranks stattgefunden haben. Hier war es tatsächlich gleich – 16 Mal bei Simon in der Wohnung und 16 Mal bei Rob. Vlogs und Ansagen habe ich nicht dazu gezählt, weshalb die Summe nicht die Anzahl der Folgen ergibt. Zudem haben 9 Pranks außerhalb der Wohnungen stattgefunden, in und rund um Köln.
Das einzige, was in diesem Teil noch fehlt ist meine Bewertung. Man kann meinem Text leicht entnehmen, dass ich die Serie positiv bewerte. Sonst würde ich ja auch nicht darüber schreiben, schließlich ist das hier meine Ecke des Internets, wo es um (für mich) interessante Sachen geht.
Ich bin aber trotzdem überrascht, dass ich von der Geschichte so stark mitgerissen war. Ich habe jede einzelne Folge mit Stichwörtern bewertet, dann alle zusammengezählt und die häufigste Bewertung von mir war ‘krass’. Denn das war, was ich mir tatsächlich beim Zuschauen am häufigsten gedacht habe – ‘boah, wie krass ist das denn’. Mal ganz abgesehen davon, wie qualitativ hochwertig die Videos in Bezug auf Schnitt und so waren, war der Aufwand einfach nur krass. Ich konnte nicht aufhören zu staunen, wie kreativ und mit wie viel Mühe die Jungs an die Sache rangegangen sind.
Natürlich kommt da noch dazu, dass ich kein Draufgänger bin, die zwei Protagonisten aber so einschätze. So konnte ich also indirekt durch die beiden diese Abenteuer erleben und denselben Nervenkitzel spüren, was ja auch der kathartische Zweck von Geschichten ist. Und dadurch, dass es ‘nur zwei Jungs’ sind, die ‘einfach Videos posten’, hat sich das alles natürlich viel näher, realer, authentischer und dadurch auch beeindruckender angefühlt, aber dazu kommen wir noch.
Wie ich schon erwähnt habe, hat es einfach Spaß gemacht, bei den Aktionen zuzuschauen. In den Baumarkt zu stürmen und Holzbretter oder Metallkäfige oder was auch immer man brauchte zu kaufen, um irgendwelche Fallen oder Gegenstände selbst zu bauen. Das ist vielleicht nicht für jeden etwas Besonderes, aber für mich wäre solch eine Waghalsigkeit undenkbar. Ich hätte nie daran gedacht jemals meine Wohnung, geschweige denn schon die Wohnung jemand anderes, so zu verunstalten. Trotzdem hat es seinen Reiz und wenn ich könnte, wenn ich damals YouTuber in Köln gewesen wäre, hätte ich liebend gern an diesem Wettstreit teilgenommen. Und ich denke ich bin damit nicht alleine.
Dann schätze ich diese Serie noch für die Geschichte, den Spannungsbogen, den die zwei YouTuber, bewusst oder nicht, aufgebaut haben. Man kann die Staffeln einfach als Pranks oder Videos betrachten, aber ich finde der Leitfaden und die Entwicklung, die sich durch das Ganze ziehen, machen daraus mehr als nur ein Videoprojekt. Und das sagt jemand, der ja Pranks nicht ausstehen kann!
Die Art und Weise, wie die beiden das Thema behandelt haben, wie gesagt, bewusst oder nicht, machte aus einem harmlosen Spiel einen Wettstreit, dem Millionen von Menschen zugeschaut haben. Was natürlich nicht ausschlaggebend bezüglich Qualität ist, aber unterschätzen kann man es auch nicht. Die Charaktere sind so charismatisch und die Motivationen so klar, alles ist eingepackt in sensationelle und beeindruckende Stunts, die sich nach und nach immer steigern, sodass man nicht aufhören kann zuzuschauen. Märchen schreibt die Zeit, immer wieder wahr – und zwei junge Typen, die um ihre Ehre kämpfen sind wohl einer der Grundsteine der klassischen Geschichtenerzählung.
Die beiden Hauptdarsteller erscheinen mir auch generell sympathisch und ehrlich und man hat gemerkt, was das Game mit ihnen gemacht hat. Aus einer dramaturgischen Sicht ist das doch die perfekte Grundlage, um eine mitreißende Geschichte zu erzählen. Hinter den Kulissen, im Alltag, muss es noch viel stressiger gewesen sein, als man es in den Zusammenschnitten gesehen hat, und Rob merkt sowas sogar zum Ende des Staffel 3-Finales an: “Die Sache ist, die Leute werden’s nie fühlen wie wir es gefühlt haben, diese ständige Angst einfach tagtäglich gefickt zu werden.” Und vielleicht ist es auch besser so, dass das alles irgendwie natürlich passiert ist und niemand sich anfangs darauf eingestellt hat, damit diese Story in der Form überhaupt entstehen konnte.
In meiner Auswertung kommen noch solche Begriffe wie ‘Quali’, ‘spannend’, ‘stark’, ‘lustig’, ‘aufwendig’, ‘kreativ’ und ‘clever’ vor, also muss ich glaube ich nicht mehr viel dazu sagen. Als Gesamtprodukt würde ich die Serie weiterempfehlen. Es ist nicht jedermanns Geschmack und sowieso ist YouTube-Entertainment so eine Sache, aber für mich ist es genau das Richtige. Mir gefällt dieser handgebastelte Aspekt, obwohl ich auch finde, dass man YouTube-Produktionen wie so eine viel ernster nehmen sollte. Nicht nur, weil die Klicks stimmen, sondern weil sich die Online-Gemeinschaften in verschiedenen Ländern so weit professionalisiert haben, dass sie einfach mit traditionellen Unterhaltungsformen mithalten können. Das ist natürlich ein größeres Thema, aber bei dieser Entwicklung als Zuschauer dabei gewesen zu sein ist schon eine coole Sache. Und wenn dabei noch solche unterhaltenden Geschichten bei rauskommen, die ich als Hobby-YouTube-Journalist beschreiben und zum Spaß auseinandernehmen kann, ja dann ist doch alles gut.
- Reality TV & Authentizität
YouTube an sich ist ein interessantes Medium. Sowie bei der Geschichte der zwei Bros selbst, hat sich auch die Plattform auf sehr organische Weise entwickelt. Am Anfang zumindest, denn mittlerweile ist es überrannt mit kommerziellen Inhalten und Ausschnitten aus traditionellen Medien, die somit ihre Reichweite noch weiter verbreiten wollen.
Über die Jahre haben sich verschiedene Eigenformate auf YouTube entwickelt, vieles wurde aber auch aus den traditionellen Medien übernommen. Generell aber ist die Form der Produktionen relativ frei, weshalb ich nicht wirklich einen passenden Namen für das, was ich in diesem Artikel beschreibe, finden kann. Ich schreibe ständig Wettstreit, Show, Game – aber was es wirklich ist, keine Ahnung. Die Protagonisten selbst beschreiben es glaube ich sogar als Show, aber erstens ist Show so ein weiter Oberbegriff, dass es wirklich alles bedeuten kann und zweitens setzt eine Show voraus, dass dahinter eine gewisse Planung oder Struktur steht, was ja im Falle des TeamBro vs TeamWill nicht so war, wenigstens nicht zu Beginn.
Wie dem auch sei, auf der Suche nach einem passenden Namen kam mir immer wieder der Gedanke, dass die ganze Geschichte wohl ein bisschen an Reality TV erinnert. Ich habe mich im Studium mal mit dem Thema befasst, also waren mir ein paar Begriffe bekannt. Zum Beispiel, eine der Kategorien von Reality TV ist die Gameshow, und einige Pranks bei TeamBro vs TeamWill waren ja Gameshows, ganz abgesehen davon, dass der ganze Wettstreit im Endeffekt so dargestellt wurde. Also könnte da ja was dran sein.
Ein kurzer Einblick in die Definitionen und Ausmaße des “Wirklichkeitsfernsehens” deuten schon darauf hin, dass die besprochene Produktion in den gleichen, oder zumindest einen ähnlichen Rahmen fällt.
Das erste Mal als ich mich so wirklich für Reality TV interessiert habe war als ich ein Video gesehen habe, wo die Theorie vorgeschlagen wurde, dass die gleichen Taktiken, die zu einem Sieg in einer Reality TV-Gameshow, auch zu einem Sieg in den Hungerspielen aus der Welt der Tribute von Panem führen würden. Die Idee war, dass die Hungerspiele eigentlich kein wirklicher Wettstreit sind, sondern eben nur eine Gameshow, die sich die Leute aus dem Kapitol anschauen. Das klang alles sehr plausibel und hat mich dazu animiert mir dieses Wirklichkeitsfernsehen mal näher anzuschauen.
Annette Hill, eine Forscherin die sich in ihrem Buch “Reality TV: Audiences and Popular Factual Television” mit genau diesem Thema befasst, schreibt: “Reality TV ist eine Sammelkategorie, welche eine Vielzahl an Unterhaltungsprogrammen über echte Menschen beinhaltet. Manchmal popular factual television genannt, liegt Reality TV an der Grenze zwischen Information und Entertainment, Dokumentarfilm und Drama.” Die Definitionen in den Texten, die mir zugänglich waren, also englische, deutsche und polnische, schweifen nicht sehr weit von dieser eben genannten ab. Viele der Texte konzentrieren sich auch auf die bestimmten Merkmale von Reality TV, mehr als auf die Definition selbst. So umfasste es zum Beispiel Richard Kilborn in 1994: zu Reality TV gehört “ a) ‘im Fluge’ Ereignisse im Leben von Individuen oder Gruppen aufzunehmen und das oft mithilfe von leichtem Equipment; b) der Versuch solche Ereignisse aus dem echten Leben durch verschiedenen Formen von inszenierten Rekonstruktionen zu simulieren; c) die Einbindung dieser Inhalte in passend geschnittener Form in ein attraktiv verpacktes Fernsehprogramm, das dank seiner Echtheit-Referenzen beworben werden kann.”
Dazu gibt es noch Diskussionen über die Interaktivität dieser Art von Fernsehen und den immer größeren Willen, überwacht zu werden, zum Beispiel in dem Buch von Mark Andrejevic: “Im Kontext einer entstehenden interaktiven Wirtschaft, erscheint Reality TV nicht einfach als ein weiterer Programm-Trend, sondern als Format, dass sich einmalig seinem historischen Moment fügt, insofern, dass es eine Brücke zwischen zwei Versionen von Interaktivität bildet. Das Versprechen von Reality TV ist, dass die Unterwerfung unter umfassende Überwachung nicht nur eine charakterbildende Herausforderung und eine Erfahrung ist, durch die man ‘wächst’, sondern auch ein Weg ist, an einem Medium teilzuhaben, das über lange Zeit die Zuschauer in die Rolle des passiven Betrachters relegiert hat. So wirkt es also wie geschickte Werbung für die Unterwerfung unter umfassende Überwachung in einer Ära, wo solche Unterwerfung immer produktiver ist. Dieses Versprechen – auf den Zugang zum Realen durch umfassende Überwachung – reiht sich unter diese der interaktiven Revolution generell ein: Zuschauer sollen zu Teilnehmern werden. Die Vielen sollen die Rollen übernehmen, die vorher die privilegierte Minderheit monopolisiert hatte […].” Ganz abgesehen davon gibt es sogar noch eine ganze Wikipedia-Liste an Kritik gegenüber Reality TV, in Bezug auf Inszenierungen, negative politische und kulture Auswirkungen und die Tatsache, dass so eine Art von Fernsehen auch ein Schauspiel der Demütigung sein kann.
Außerdem gehören zu dem Thema noch Debatten über die eigentlichen Genres und Formate, die Reality TV zu bieten hat. Anfangs war es ja nur die Aufnahme von ‘echten’ Ereignissen, aber über die Jahre sind viele verschiedene Subgenres entstanden, wie die Gameshow zum Beispiel, aber auch Docusoaps, Dating Programme, Reality Sitcoms, Celebrity-Varianten von bereits bestehenden Formaten, Lifestyle-Spiele und -Programme und Talentwettbewerbe, um ein paar zu nennen. Diese konkreten haben Susan Murray und Laurie Ouellette vorgeschlagen, aber die spezifischen Benennungen variieren zwischen Ländern und Forschern.
Was aus diesem wissenschaftlichen Crashkurs über Reality TV (mit ein paar meiner Lieblingszitaten zu dem Thema) hoffentlich hervorgeht, ist dass Vieles davon auch auf die auf YouTube vorhandenen Inhalte zutrifft. Zum einen die Vermischung verschiedener Formate und der Fokus auf Echtheit, und zum anderen die Erstellung eigener Genres und die Nutzung von bestimmten, leichten Equipment. Natürlich stimmt nicht alles überein und ich will auch niemandem unterstellen stereotypisch ‘billige Reality TV Produktionen’ zu gestalten, aber diese Art von Formaten scheinen sowohl Zuschauer als auch Creator anzusprechen und zwar nicht unbedingt nur deswegen, weil sie relativ einfach und billig zu produzieren sind.
Zu alldem kommt nämlich noch der spezifische Charakter der neuen Medien. Durch ihre erhöhte Interaktivität, und andere Aspekte wie Medienkonvergenz, um ganz schlau zu klingen, hat sich das Kommunikationsmodell der traditionellen Medien von der Einweg-Option (einer spricht zu vielen) in die Mehrweg-Option umgewandelt (viele sprechen zu vielen), was ein höchst interaktives Netz an Kommunikationsverbindungen bildet. Die Community in jeder YouTube-Kommentarsektion wird zum wichtigen Bestandteil des YouTuber-Daseins und spielt nicht nur die Rolle des Zuschauers, sondern auch ein Stück weit die des Produzenten. Sie beeinflusst die Inhalte, ist die Quelle der Einnahmen und der Creator muss sich darum kümmern, sie immer zufrieden zu stellen. Ich stelle mir das immer ein bisschen wie dieses stereotypische Bild der römischen Zuschauer im Kolosseum vor. Daumen nach oben oder unten, irgendwo mit voller Kontrolle, aber auch unbewusst ihrer Macht.
Weshalb ich mich einerseits freue den Wettkampf erst im Nachhinein gefunden zu haben, um eben nicht in der Strömung der bellenden Meute unterzugehen und vielleicht Ansichten zu entwickeln, die nur dann entstehen, wenn man zu nah an einer Sache ist. Sprich, wenn man von etwas so mitgerissen wird, dass man sich nicht mal mehr einbilden kann noch objektiv zu bleiben. Andererseits finde ich es auch schade, denn die ganzen Staffeln in Echtzeit zu verfolgen und Teil des Publikums gewesen zu sein wäre auch eine interessante Erfahrung gewesen und vor allem hätte ich dann die Möglichkeit gehabt mir sich solche Phänomene aus der Nähe anzusehen.
Jetzt habe ich aber nur den einen Standpunkt und das ist auch in Ordnung. Ich denke ich wäre auch so oder so zum gleichen Schluss gekommen, nämlich dass TeamBro vs TeamWill vielleicht kein klassisches Reality TV ist, sondern eine Entwicklung davon. Viele Elemente sind gleich, aber es gibt auch neue Dinge zu beobachten. Es ist Reality Plus, wo man echte Menschen in echten Situationen beobachtet, die wirklich nur eine Kamera auf sich selbst richten und es keine Produktionsmaschinerie dahinter gibt. Als Zuschauer hat man ein bisschen Einfluss und somit bildet sich ein geschlossener Kreis zwischen Creator und Community, der sich gegenseitig verändert, irgendwo aber doch im traditionellen Rahmen bleibt – denn schließlich ist es der Creator, der als stärkerer Teil der Macht-, oder besser gesagt, Aufmerksamkeitsungleichheit, dasteht.
Was eigentlich aber viel spannender ist, als die Kategorie der beschriebenen Show an sich, ist meiner Meinung nach die Frage der Authentizität. Denn die ist ein großes Überzeugungsargument von YouTube – und von Reality TV war sie es auch. Ich habe schon etwas über den handgebastelten Aspekt der Produktionen angemerkt und ich habe meinen Glauben ausgedrückt, dass Rob und Will mit guten Absichten an die Sache rangegangen sind, ohne wirklich eine große Show zu planen, die nur Geld machen sollte – der einzige Kommentar dazu kommt in einer Line des Songs von Danergy vor: “Also hol mal […] jemand der genauso auf Klicks scheisst!”
Ob dem nun wirklich so ist, kann ich nicht beurteilen, aber ich gehe mal stark davon aus. Es fühlt sich jedenfalls so an, und ich kann mir schlecht vorstellen, dass jemand über so lange Zeit so tun kann, als wäre er oder sie jemand anderes. Das gibt es natürlich, aber je näher man Schaffende und Zuschauer bringt, desto schwieriger ist es so ein Scheinspiel aufrecht zu erhalten. Und bei YouTube ist das Einzige, was zwischen diesen zwei Parteien steht meistens nur eine Kamera, also ist die Grenze da ziemlich dünn.
Je größer YouTube geworden ist und je mehr man dessen kommerzielles Potential erkannt hatte, desto öfter erschien die Frage was denn genau authentisch ist. Obwohl es von Anfang an schon Probleme damit gab, denn bereits die als ‘echte Erfahrung’ verkleidete Web-Serie lonelygirl15 hat in den Jahren 2006-2008 gezeigt, wie einfach es ist auf vorgetäuschte Vlogging-Realitäten reinzufallen (was aber nicht zum ersten Mal mit neuen Medien passiert ist – da fällt einem direkt das Radio und Orson Welles mit seinem Krieg der Welten ein). Die Youtuberin Lindsay Ellis setzt sich mit dem Thema in ihrem Video-Essay “YouTube: Manufacturing Authenticity (For Fun and Profit!)” auseinander und im Großen und Ganzen erfolgt daraus das Fazit, dass Authentizität auf YouTube eine Ware ist, die man erfolgreich für Gewinn herstellen kann, obwohl dem natürlich nicht immer so ist. Es gibt Creator, die mit ehrlichen Absichten Videoprojekte starten, nur weil es Spaß macht oder weil sie sich ausdrücken möchten. Obwohl man dabei bedenken muss, dass nichts auf YouTube 100% ‘wahr’ ist und das ist nicht negativ gemeint. Denn Inhalte werden geschnitten und jeder Schnitt bedeutet schon einen Sichtpunkt. Außerdem, “Alle Inhalte sind kultiviert”, sagt Lindsay, “Niemand kann auf dieser Plattform eine vollkommen gelebte Erfahrung darstellen.”
Die beste Analyse, meiner Meinung nach, zum Thema Authentizität, wurde allerdings auf dem Kanal Philosophy Tube getan. Das Video “YouTube: Art or Reality?” behandelt das Thema nicht nur aus der Sicht des Zuschauers, sondern auch des Creators und in einer schauspielerischen Meisterleistung debattieren die erstellten Charaktere über die Grenze zwischen Realität und Kunst und was Wahrheit denn überhaupt bedeutet (und ob sie denn in jedem Kontext wirklich so wichtig ist, besonders, da es nicht nur eine Art von ihr gibt). Aber auf das Video kommen auch wir noch zurück.
Ganz nebenbei, was auch ein interessanter Teil vom Hobby-YouTube-Journalismus ist, ist es zu erkennen wie selbstreflektiert das Medium ist. Besonders in dieser ‘lefttube’ oder ‘breadtube’-Szene, zu der sowohl Lindsay Ellis, als auch Philosophy Tube gehören, wird oft über die YouTube-Welt auf einer hohen Metaebene gesprochen, obwohl nicht nur dort. In einem bisschen anderen Kontext fällt mir wieder Rezo ein, um mal ein Beispiel aus der deutschen Szene zu nennen, den er merkt oft auch an, dass die YouTube-Szene sich von anderen Medien-Szenen dadurch unterscheidet, dass die Community sich selbst analysiert und sich von Inhalten oder Personen mit negativen Auswirkungen klar distanziert. Also, im Grunde, selbstreflektiert ist – weswegen die meisten Quellen, die ich in Bezug auf diesen Artikel nenne, fast alles typische Internetquellen sind, und viele davon auch YouTube Videos.
Um aber aufs Thema wieder zurückzukommen, eigentlich geht es bei YouTube um normale, ‘echte’ Menschen, die wirklich nur sich selbst zeigen. Das hat natürlich seinen Reiz. Nicht nur weil es eine Ebene extremer ist als nur jemanden im Fernsehen zu sehen, denn plötzlich ist der ‘Celebrity’ ganz nah, oder nicht nur weil man viel eher das Gefühl kriegt ‘hey, das könnte ja ich sein’. Dazu kommen bestimmt noch unsere menschlichen Hänge zum Voyeurismus und vielleicht auch, was ja mein Argument ist, das Bedürfnis nach einer guten Geschichte. Der Schlüssel zu all diesen Fragen ist Authentizität, denn sie ist der gemeinsame Faktor. Wir wollen ‘echte’ Sachen, Dinge, die ‘wirklich’ passiert sind. Wir wollen ein bisschen spannen, ein bisschen sehen, wie andere leben. Ich habe das bestimmt. Ich kämpfe immer mit der Frage der Authentizität, was sie nun wirklich heißt und warum sie mich so inspiriert. Dass ich YouTube mag, das ist klar, aber ich liebe zum Beispiel auch Biopics oder Filme nach wahren Gegebenheiten, also kommt bei mir immer wieder dieselbe Frage auf.
Wobei ich bei diesem Thema generell mehr Fragen als Antworten habe. Denn wie kann man überhaupt feststellen, ob etwas ‘echt’ oder ‘authentisch’ ist? Bei Filmen ist es ja einfacher, es ist ein Produkt, egal wie schön, und wie sehr man der Illusion auch glauben will, oder sich willentlich der Aussetzung der Ungläubigkeit untergibt. Mehr und mehr wird ja auch klar, dass Filme nach wahren Fakten meistens eh nicht so richtig der Wahrheit entsprechen – man kann ja alles im Netz nachprüfen. Aber wie sieht die Sache bei YouTube aus und auch speziell bei der Geschichte der zwei Bros? An welchem Punkt hört Authentizität auf? Wann wird die Persona, die man annimmt zum eigenen Charakter? Oder ist es umgekehrt, dass der eigene Charakter die Persona beseelt? Wird mit der Entscheidung, TeamBro vs TeamWill offiziell als Wettstreit zu gestalten, das Ganze plötzlich ‘produziert’ und ‘unauthentisch’? Denn eigentlich passiert ja weiter das gleiche – es werden Streiche gespielt. Wo ist die Grenze, wo aus einer einfachen Videoidee eine Geschichte wird?
Ich habe in einem meiner vorigen Artikel über Studio Accantus geschrieben, einer Gruppe Musicalsänger, denen ich durch ganz Polen nachgejagt bin, um ihre Konzerte zu sehen. Das war auch zu einer spannenden Zeit in ihrer Karriere, denn es war genau ihr Umsprung zwischen Anfänger und Fame – wie auch immer das klingt. Die ersten Konzerte waren günstig und in kleiner Runde, man konnte danach immer quatschen und Fotos machen, sich umarmen und generell die Leute kennenlernen. Über das Jahr hinaus aber wurde die Community so groß, dass es irgendwann eskaliert ist und wir die Sicherheit der Sänger gefährdeten, einfach weil wir zu viele waren. Die Konzerthallen wurden größer und teurer und es gab keine Backstage-Treffen mehr. Aus der Masse konnte ganz schnell eine Meute werden und aus den Menschen, die man kennenlernen konnte, wurden plötzlich nur noch Darsteller, Fremde (was sie ja immer waren, egal wie oft man sich die Hand gegeben hatte, aber der Anschein war anders) und Stars einer YouTube-Gruppe. Diese Veränderung zu bemerken war kurios.
Und so kann man generell in Bezug auf YouTube-Creator weiter fragen – wo ist die Grenze zwischen Mensch und Persona? Kann man immer gleich bleiben, wenn man von einem unbekannten Nachbarsjungen plötzlich, oder über Jahre, zum Internet-Star wird? Was bedeutet das dann überhaupt, ‘echt’ zu sein? Ich weiß es nicht und wahrscheinlich gibt es auch keine wirklich passende Antwort dafür, es ist immer relativ und man muss es jedesmal aufs Neue in konkreten Kontexten beachten und bewerten. Wo wir aber schon beim Stichwort Persona sind, fehlt noch eine wichtige Frage in diesem Artikel und die ist sogar für mich am spannendsten.
- Parasoziale Beziehungen & Persona
Ich habe schon das Video von Abigail Thorne (von Philosophy Tube) “YouTube: Art or Reality?” angesprochen. Es ist eines meiner Lieblingsvideos, weil es eine wirklich gute Geschichte darstellt, obwohl diese relativ einfach ist – ein Verhör. Dazu sind die angesprochenen Themen auch sehr interessant. Wie ich schon erwähnt habe geht es in dem Stück um die Frage nach der Wahrheit und ihrer Bedeutung, nach Kunst und Authentizität. Ein wichtiger Teil betrifft aber auch parasoziale Beziehungen – der Fokus dieses Teils meines Artikels und ein ungemein faszinierendes Phänomen.
Das erste Mal werden parasoziale Beziehungen in einem Artikel aus 1956 benannt: “Ein auffälliges Merkmal der neuen Massenmedien – Radio, Fernsehen und Kino – ist, dass sie einem die Illusion geben eine gegenüberliegende Beziehung zu dem Darsteller zu führen. Die Reaktionen auf die Darsteller entsprechen denen in der Primärgruppe. Die entferntesten und berühmtesten Menschen werden kennengelernt, als seien sie Teil des näheren Umfeldes; das Gleiche bezieht sich auf eine Figur in einer Geschichte, die in diesen Medien auf eine besonders lebendige und fesselnde Weise zum Leben erweckt wird. Wir schlagen vor diese scheinbar gegenüberliegende Beziehung zwischen Zuschauer und Darsteller als para-soziale Beziehung zu bezeichnen.” Obwohl der Artikel schon relativ alt ist, ist es wichtig diese erste Definition im Auge zu behalten. Vieles, über das die Autoren Horton und Wohl schrieben, ist heute immer noch aktuell.
Aber um es kürzer auszudrücken, parasoziale Beziehungen sind Beziehungen die einseitig sind und meist eine Person des öffentlichen Lebens oder einen fiktiven Charakter betreffen. Ich denke das Phänomen ist allbekannt, selbst wenn man den Namen davon nicht kennt. Schon als Kind bildet man Beziehungen zu seinen Lieblingsfiguren, die man in Büchern oder im Fernsehen sieht und das ändert sich nicht, wie Erwachsen man auch denkt, das man ist. Man hat Lieblingshelden, mag bestimmte Stimmen von bestimmten Leuten im Radio oder in Podcasts und selbst wenn man mal einen Film nicht so gut findet, ja wenn der Lieblingsschauspieler mitspielt, dann kann man sich den trotzdem reinziehen.
Und parasoziale Beziehungen, als Ausdruck von emotionalem Engagement, steuern auch dazu bei, wie gut man eine Geschichte findet. Geschichten gibt es eigentlich nicht viele, im Sinne von singulären Abläufen von Ereignissen, und sowieso haben wir Menschen einen Hang dazu, lieber dieselben Geschichten nochmal zu hören. Das Einzige was immer anders ist, ist die Form. Jeden spricht etwas anderes an und jeder engagiert sich anders in jeweilige Handlungen. Bei YouTube habe ich den Eindruck, dass die Geschichten meist sowieso an zweiter Stelle stehen. Leute von außerhalb der Szene mögen sich wundern, wie es kommt, dass man Menschen beim Essen oder beim Alltag zuschaut. Aber das ist ja genau der Punkt – man schaut ihnen gerne zu, weil es um die Person selbst geht, um die- und denjenigen, der die Geschichte erzählt und was viel wichtiger ist, die emotionale Bindung, oder parasoziale Beziehung, die man als Zuschauer zu dieser Person aufbaut.
Persönlich finde ich parasoziale Beziehungen nicht schlimm, so als Pauschalbewertung. Ich weiß es ist leicht für mich solche zu formen und mir ist das vollkommen bewusst. Ich habe genug Merch von verschieden Künstlern und Filmen, dass mir ist klar ist, was da passiert. Jegliche Zuneigung oder Bindung die ich fühle passiert nur in meinem Kopf und das ist vollkommen in Ordnung. Ich weiß, dass sobald ich die nächste spannende Sache finde, meine Faszinationen wieder umspringen und ich bin nicht der Typ dafür Leute weder Online noch Offline zu stalken (na gut, mit diesen Sängern hört sich das vielleicht ein bisschen so an, aber das ist meine absolute Grenze der Überschwänglichkeit, und aus dem Alter bin ich zum Glück auch schon in der Zwischenzeit raus). Und wie Abigail auch in ihrem Video anmerkt, parasoziale Beziehungen können auch zweiseitig sein, denn ein Creator hat auch eine gewisse emotionale Bindung zu den eigenen Fans – ich kann das nicht beurteilen, aber wenn sie das, als relativ bekannter Creator sagt, dann glaube ich ihr das.
Natürlich haben parasoziale Beziehungen auch unheimliche Schattenseiten und ich will diese nicht kleinreden, obwohl es mir schmerzt über etwas, was ich als positiv empfinde, auch schlechte Sachen sagen zu müssen. Ein weiterer Creator, Shannon Strucci, hat eine ganze Serie zu dem Thema parasoziale Beziehungen angefangen, die eben diese Schattenseiten beleuchten. Das Hauptvideo ist in Spielfilmlänge, aber trotzdem lohnt es sich dieses anzugucken. Die offensichtlichste negative Seite parasozialer Beziehungen ist natürlich das Potential für Missbrauch. Das sieht man oft im Falle von Teenie-Stars, egal aus welcher Ära, sei es Fernsehen, Film, YouTube oder TikTok. Besonders handelt es sich dabei um junge Männer und ihre Fangirls – meistens Minderjährige – die die Idee kaufen, dass wenn ihr Lieblingsstar in die Kamera sagt: “Ich liebe dich”, dass das stimmt. Jeder hat mal eine Obsession mit einem Star gehabt und solange diese nicht ausartet, ist es ja auch okay, das sind Gefühle die man auch lernen muss einzuordnen.
Problematisch wird es wenn das Geld der Eltern plötzlich auf Fan-Produkte und Reisen flöten geht, wenn Promis nicht mehr in Ruhe über die Straße gehen können oder junge Groupies sich plötzlich in Backstage-Bereichen wiederfinden, wo das Mehl nicht zum Backen da ist. Das ist alles ein Ergebnis von parasozialen Beziehungen. Und ich will nicht mal die Personen des öffentlichen Lebens dafür schuldig machen, die sind genauso Opfer dieses Systems. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das sein muss, in so einer Welt zu leben. Man wird unmenschlich verehrt und darf dabei nicht abheben oder verrückt werden, man ist so vielen psychischen und manchmal auch körperlichen Gefahren ausgesetzt, und man darf sich nicht mal beklagen – denn man ‘hat es ja besser’. Und dazu kommt noch viel Verantwortung, denn wie schon vorher erwähnt, als bekannte Person ist man der dominante Part in der Macht-, beziehungsweise Aufmerksamkeitsungleichheit zwischen Promi und Fan.
Und auf YouTube ist das nicht anders. Immer wenn ein YouTuber “Hallo Freunde” sagt fördert er oder sie die parasoziale Beziehung zu den Zuschauern – bewusst oder nicht. Der meist ziemlich genaue und intime Einblick in den Alltag dieser Menschen steuert auch dazu bei, dass man denkt, man würde sie kennen. Egal wie beschränkt oder, wie vorher diskutiert, redigiert dieser Einblick auch sein mag – der Anschein ist, dass man einem echten Menschen bei seinem echten Leben zusieht und dass dieser einen sogar mag. Ohne die Fans wäre man nichts, hört man oft, und das trifft auf mehreren Ebenen zu.
Natürlich ist das nichts Neues, denn irgendwo sind Helden und Idole, und mittlerweile Personen des öffentlichen Lebens, dazu da um ein Vorbild zu sein, um eben diesen Einblick ins Leben zu gewähren und wenn sie noch Teil der Entertainment-Industrie sind, dann möchte man sie auch für ihre Leistungen mit Anerkennung belohnen.
Und nicht jeder produziert Authentizität oder fördert parasoziale Beziehungen um Geld zu machen. Nicht jeder verkauft ein bestimmtes Image um Klicks zu machen oder Teenies zu missbrauchen. Wahrscheinlich ist es oft so, dass es einfach klappt. Dass Leute gerne Anderen zuschauen, vielleicht mal ein Buch oder ein T-Shirt kaufen, der Creator sich bestätigt und wertgeschätzt fühlt und mit dem erworbenen Geld weitere Projekte starten kann, die man dann als Zuschauer oder Fan wieder genießen kann.
Jedoch selbst wenn man parasoziale Beziehungen ohne falsche Absichten eingeht oder ermöglicht, muss man vorsichtig sein und das ist eigentlich das, worauf ich mit diesem Teil hinaus will. Es gibt so viele verschiedene Phänomene in der Welt der Massenkommunikation, Schweigespiralen, Echokammern, Filterblasen und so weiter und parasoziale Beziehungen gehören nunmal auch dazu. Wenn man Medien verantwortlich konsumieren (oder gestalten) möchte, muss man sich dieser Sachen einfach bewusst sein und lernen zu erkennen, wenn es einem widerfährt, um damit umgehen zu können (was, nebenbei, auch ein ziemlich gutes Argument für Medienbildung ab dem ersten Schuljahr ist).
Mir liegt dieses Thema so nahe weil ich eben genau bei der Geschichte der zwei Bros diese weite Sicht für einen Moment verloren hatte. Wie ich am Anfang erwähnt habe, als ich über die Show gestolpert bin, ging es mir schlecht. Mal ganz abgesehen von der Pandemie – es war Herbst, ich wusste nicht wohin mit mir und ich hatte mit vielen dunklen Gedanken zu kämpfen. Und da es eh für mich einfach ist mich obsessiv mit Medienprodukten zu befassen, hätte ich eigentlich direkt merken sollen, was da vorgeht.
Aber ich hab’s einfach zugelassen, es war das Einzige, was mir zu der Zeit auch nur ein bisschen Spaß gemacht hatte und ich dachte mir, besser das, als was anderes. Und es ist so leicht in eine parasoziale Beziehung zu fallen, es ist leicht niemanden im echten Leben anzusprechen, wenn da so coole Typen sind, die immer gute Laune haben und nichts von dir erwarten. Es ist leicht sich in eine Welt zu begeben, wo alles immer klappt, wo alle immer Lust aufs Leben haben und wo der Alltag einem viel besser erscheint.
Der Schein trügt natürlich und zum Glück habe ich diese emotionale Bindung auch ziemlich schnell wieder in den Griff bekommen. Eigentlich ist es sogar niedlich, wenn ich daran zurückdenke, wie wichtig mir diese vorgespielte Welt zu der Zeit erschien. Was, wie gesagt, ja in sich nichts Schlimmes ist, denn es hat mir geholfen ein paar doofe Monate zu überstehen, ich bin kein obsessiver Stalker geworden und habe früh genug erkannt, dass der parasoziale Mechanismus eingetreten ist.
Und es hat mich letztendlich zum Schreiben dieses Artikels gebracht, wo ich über diese ganzen Angelegenheiten, die Jahre, die ich mit YouTube verbracht habe, schreiben und so tun kann, als würde ich sie in irgendeinem pseudo-journalistischen Rahmen auffassen. Und wenn das mal kein Grund zum Feiern ist.
Bei dieser Mosaik an massenmedialen Kuriositäten fehlt mir nur noch ein kleines Stück – die Persona. Denn, wie Horton und Wohl es definiert haben, das Objekt einer parasozialen Beziehung ist ein Künstler oder Darsteller, und weiter hinaus – ein Promi oder eine Person des öffentlichen Lebens. Aber parasoziale Beziehungen betreffen auch fiktive Charaktere und nun stellt sich die Frage, wo ist da die Verbindung?
Meine Hypothese ist, weswegen ich den ersten Teil dieses Artikels mit einem sehr bestimmten Disclaimer versehen habe, dass es zwischen den beiden keinen großen Unterschied gibt, also zwischen einer Person des öffentlichen Lebens und einer fiktiven Figur. Vielleicht ist das nur eine Rechtfertigung um mit reinem Gewissen nicht unbedingt jugendfreie Produkte von Fanarbeit, sprich Fiktion und Grafiken, konsumieren und produzieren zu können, aber ich denke da steckt schon ein bisschen mehr dahinter.
Denn rein operativ gesehen, also so, wie es im Alltag funktioniert, gibt es auf den ersten Blick keine großen Unterschiede. Ob jetzt YouTuber oder Superheld – beide können Objekte parasozialer Beziehungen sein und sind es oft auch. Zugleich sind sie für Konsumenten ziemlich unerreichbar. Klar kann man eher einen Creator treffen als Superman, aber Frage ist, wenn trifft dann wirklich? Denn die Privatperson, die der Promi ist, ist es nicht. Es ist die Persona, die Identität, die man durch die kurierten Ausschnitte auf einer Plattform oder im Fernsehen kennengelernt hat, die einem dann gegenüber steht.
Zu dieser Diskussion gehört auch noch der Aspekt der Emotionsarbeit, also der emotionalen Leistungen die man in verschiedenen Kontexten aufbringen muss. Sowie bei Personen des öffentlichen Lebens, die bestimmte Charakteristika, die Teil ihres Images sind, in der Öffentlichkeit bewahren müssen, egal wie es ihnen geht. Wenn man jemanden als Witzbold kennt, na dann ist er halt ein Witzbold. Ich glaube John Mulaney hat irgendwo mal in einem Interview gescherzt, dass Eminem bestimmt nicht immer Bock hat der coole Rapper zu sein, dass er auch gerne mal einfach gelassen und fröhlich sein würde. Denn Menschen sind nicht nur ein Ding, oder ein Charakter. Bei Celebrities geht das dennoch manchmal verloren, denn man erwartet, dass sie immer so sind, wie man sie kennt. Aber das kann ja so nicht sein, denn jeder hat mal bessere oder schlechtere Tage und zum Glück lernen wir immer etwas dazu und entwickeln uns, was bedeutet, dass man Persönlichkeit nicht als etwas statisches sehen kann.
Bei solchen Themen muss ich immer an die Popkultur-Essays von Chuck Klostermann mit dem Titel “Sex, Drugs and Cocoa Puffs” denken. Dort beschreibt er, wieder im Kontext von Reality TV, wie wichtig es ist als Figur in einer Show bestimmte Merkmale zu haben, die eine Persona ausmachen. Nur wenn man jemand Bestimmtes ist, jemand den der Zuschauer klar erkennen kann, hat man eine Chance sich in der von Individuen überfüllten Szene erkennbar zu machen. Das heißt also, dass man in solchen Situationen seine eigene Persönlichkeit in gewisser Weise gestalten muss, eigene Gedanken und Verhalten so anpassen muss, damit sie der geschichtsfreundlichen Vision entsprechen.
Wodurch ich nicht sagen möchte, dass eine Persona unbedingt ein gefälschtes Bild des Menschen ist. Das Verhalten und das Image einer Persona kann zu 100% mit dem ‘wahren Ich’ der Privatperson übereinstimmen und trotzdem ist es nicht dasselbe. Trotzdem muss man sich an Situationen anpassen, Merkmale wiederholen, die die Zuschauer kennen und erwarten und egal wie offen und ehrlich man sein möchte, man kann immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit darstellen. Und darin besteht natürlich auch die Falle, sowohl für Zuschauer, als auch Creator. Zuschauer bilden sich ein, einen fremden Menschen zu kennen und zu wissen, was in seinem oder ihrem Leben außerhalb der ‘gemeinsamen Zeit’, also der Konsumption von Content, geschieht oder wer diese Person ist. Auf Creator-Seite wird man einer großen emotionalen Last ausgeliefert, tausende Freunde, die man eigentlich gar nicht kennt, und die auch eigentlich gar keine Freunde sind, mehr Arbeitgeber, aber auch nicht wirklich. Unter YouTubern gibt es häufig Probleme mit Burnout und wenn man sich diese Seite des Creator-Daseins anschaut, ist das nicht verwunderlich.
Also kommen auch bei Persona viele Fragen bezüglich Grenzen auf. Denn irgendwo spielen wir alle Rollen, da gibt es genug soziologische und philosophische Theorien aus denen man auswählen kann, welchem Rollenmodell man sich fügen möchte. Bei Personen des öffentlichen Lebens ist es aber nunmal so, und besonders bei diesen Internet-Stars, die dank dem Medium, das sie nutzen, einem viel näher erscheinen, dass man diese Rollen viel klarer sieht. Gewollt oder nicht, sie sind Teil ihres Jobs.
“Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler”, pointiert Abigail ihr Video mit den Worten von Shakespeare. Und da hat sie auch Recht. Man darf aber bei dieser ganzen Angelegenheit nicht vergessen, dass da am Ende auch irgendwo nur Menschen sind. Man kann, finde ich, Darsteller und Internet-Figuren als Charaktere betrachten, man darf parasoziale Beziehungen eingehen, aber man darf es halt nicht übertreiben. Diese Beziehungen, die zwischen Creator und Community entstehen, sind sehr einzigartig, sie sind gegenseitig vorteilhaft und gegenseitig schädlich, je nachdem wie man mit ihnen umgeht. Und es liegt irgendwo an beiden Parteien eine gesunde Balance in solchen Situationen zu finden.
Der Plan war zu erkunden, was aus TeamBro vs TeamWill eine gute Geschichte macht. Und irgendwie, wie das mit solchen Bewusstseinsströmen nunmal so ist, ging es dann in eine andere Richtung, denn es scheint mir, dass ich zum Schluss ganz woanders gelandet bin. Na klar, ich hatte schon im Sinn all diese Sachen bezüglich Authentizität und parasoziale Beziehungen anzusprechen, aber was genau dabei rauskommen würde, dass habe ich dann erst beim Schreiben erfahren.
Also, um nochmal aus jedem Teil ein Fazit zu ziehen: TeamBro vs TeamWill finde ich als Videoproduktion sehr gut und als Geschichte faszinierend. Mich wundert es jedes Mal, wenn ich in Geschichten, die so eigentlich keine Geschichten im klassischen Sinne sind, eine Erzählung finde. Und so war es für mich mit diesem Wettstreit. Außerdem war es spannend das Ganze ein wenig auseinanderzunehmen und zu analysieren, denn es gab viele Inhalte zu betrachten, aber nicht so viele, als dass es unüberschaubar wäre. Und als Übung im Datensport hätte ich mir kein besseres Beispiel vorstellen können.
Die Frage von Reality TV und Authentizität bleibt noch offen. Wie schon geschrieben, das ist alles relativ, was aber im Endeffekt natürlich gar nichts aussagt. Was für mich aus diesem Teil hervorgeht ist, dass Authentizität als Gut einen gewissen Wert hat, der Leute anspricht und mit dem man aufpassen muss, um Andere nicht auszubeuten oder selbst nicht ausgebeutet zu werden. Was es aber im Grunde bedeutet ‘wahr’ oder ‘echt’ zu sein, kann ich weiter nicht erklären.
In Bezug auf parasoziale Beziehungen ist es wichtig für mich festzustellen, dass diese Vorgänge Teil unserer Realität sind und dass man auf sie Rücksicht nehmen sollte. Man kann es schnell übertreiben und Menschen in unangenehme oder gefährliche Situationen bringen, aber man muss auch zugeben können, dass Personen des öffentlichen Lebens in ihrer Rolle auch als fiktive Figuren fungieren können. Ich möchte damit nicht sagen, dass die Privatsphäre von Promis unwichtig oder antastbar ist – ganz im Gegenteil, ich würde die private und die öffentliche Identität von Darstellern zugunsten aller Beteiligten einfach noch stärker trennen. Was in unserer heutigen Welt nicht passiert, aber vielleicht wäre es eine Idee.
Zu guter Letzt, ein Fazit aus dem ganzen Text – der häufigste Gedanke, der mir beim recherchieren und schreiben dieses Artikels kam war, wie wichtig es ist in allen Aspekten des Lebens irgendwo das Gleichgewicht einhalten zu können. Dieses zu definieren ist natürlich keine leichte Sache und es wird aus verschiedenen Perspektiven auch anders aussehen, was das ganze Ding natürlich noch komplizierter macht, aber als Faustregel darf man, denke ich, nicht in Extremen fallen. Man muss eingestehen, wann eine Geschichte zu Ende ist, wo die Linie zwischen Schein und Realität ist und wo persönliche Grenzen aufhören, damit man sich gegenseitig nicht weh tut.
Einleitung:
- Phil Laude, POZILEI VONG HEUTE, https://www.youtube.com/watch?v=VzWCMj5e2w0&ab_channel=PhilLaude
TeamBro vs TeamWill
- Mental Floss, Here’s How Long it Takes to Binge-Watch More Than 50 Popular TV Shows, https://www.mentalfloss.com/article/622536/how-long-it-takes-binge-most-popular-tv-shows
- Wikipedia, List of Rick and Morty episodes, https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Rick_and_Morty_episodes
- TeamBro, Team Bro vs Team Will (Staffel 1), https://www.youtube.com/playlist?list=PL-uN0duRMbAmqMttYOTJynaQUBRgIU5tR
- Mellow, staffel 2 TeamBRO🔥 vs Team WILL🚀, https://www.youtube.com/playlist?list=PL00DxC9ia8WA9Rya5jgZPUheaXA4A8VKH
- K3k53 84ck3n, Team Bro vs. Team Will Staffel 3, https://www.youtube.com/playlist?list=PLeXI85t6n2wT7jxATHezh7vvzYSpTJCUo
Reality TV & Authentizität
- The Film Theorists, Film Theory: How to NOT DIE! – Hunger Games pt. 2, https://www.youtube.com/watch?v=nXvWxZlfBlw&ab_channel=TheFilmTheorists
- Annette Hill, Reality TV: Audiences and Popular Factual Television, 2004, Routledge, London
- Richard Killborn, ‘Drama over Lockerbie’ A new look at television drama-documentaries, in: Historical Journal of Film, Radio and Television, Vol. 14, No. 1, 1994, London
- Mark Andrejevic, Reality TV: The Work of Being Watched, 2003, Rowman & Littlefield Publishers, Lanham
- Susan Murray & Laurie Ouellette, Reality TV: Remaking Television Culture, 2004, NYU Press, New York
- Wikipedia, Criticism of reality television, https://en.wikipedia.org/wiki/Criticism_of_reality_television
- Wikipedia, New Media, https://en.wikipedia.org/wiki/New_media
- Wikipedia, Technological Convergence, https://en.wikipedia.org/wiki/Technological_convergence#Media
- Wikipedia, lonelygirl15, https://en.wikipedia.org/wiki/Lonelygirl15
- Theater Mienenspiel, Orson Welles und der Krieg der Welten. Ein Livehörspiel., https://www.youtube.com/watch?v=qHAHJZCX6vs&ab_channel=TheaterMienenspiel
- Linday Ellis, YouTube: Manufacturing Authenticity (For Fun and Profit!), https://www.youtube.com/watch?v=8FJEtCvb2Kw&ab_channel=LindsayEllis
- Philosophy Tube, YouTube: Art or Reality?, https://www.youtube.com/watch?v=kVav1ri65Ws&ab_channel=PhilosophyTube
- Space Frogs, Wir BILDen Rezo, https://www.youtube.com/watch?v=L0jFixPnbPA&ab_channel=SPACEFROGS
Parasoziale Beziehungen & Persona
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