Ich kann mich erinnern, dass meine Mama mir erzählt hat, wie sie als Kind immer eine bestimmte Straße in ihrer Heimatstadt entlanggelaufen ist, ihren Kopf in den Nacken gelegt hat, um sich die Spitzen der alten Häuser anzuschauen. Sie wusste nie, warum sie das gerne tat und mit Heimatkunde kannte sie sich auch nicht aus, aber sie machte es trotzdem.
Viele Jahre später, als wir mit der ganzen Familie in derselben Stadt lebten, hat sie dann Quellen mit Lokalgeschichten gefunden und uns wurden diese dann immer über einzelne Häuser erzählt, als wir zusammen durch die Straßen spazierten und auf Fassaden und Verzierungen auf alten Backsteinhäusern schauten.
Ich muss zugeben, als ich jünger war habe ich das nie richtig verstanden oder besonders gemocht. Immer dieselben Geschichten, dieselben Häuser, dasselbe entzückte Staunen, weil man endlich verstand auf was man da schaute, weil man sich mit einem Teil seiner Identität verband, der viele Jahre verloren war. Trotzdem musste es irgendwie auf mich abfärben, denn jetzt mache ich es genauso gerne, durch Städte schlendern und sich Häuser angucken, lokale Geschichten kennenlernen und einfach entzückt staunen, immer wenn ich dazu die Möglichkeit habe.
Eigentlich geht das viel weiter, ich mochte Reisen, wandern, spontan sein oder sonst etwas in die Richtung eigentlich nie, und jetzt könnte ich mir ein Leben ohne gar nicht mehr vorstellen.
Was mich zum heutigen Thema bringt, dem lokalen Tourismus. Ich habe keine Definition gefunden die wirklich dem entspricht, was ich mit dem Begriff aussagen möchte, außer vielleicht in einem Artikel über Tourismus-Marketing (obwohl es da mehr darum ging wie man lokales Interesse in Tourismus-Möglichkeiten umsetzt), obwohl das auch nicht genau das ist, wonach ich suche. Also werde ich versuchen meine eigene Definition zu erstellen und so präzise wie möglich zu sein: “Lokaler Tourismus besteht darin, dass man die Ideen, Aktivitäten und Methoden des massiven Tourismus im lokalen Rahmen anwendet, sowohl in der Stadt, als auch im Freien.” Um es kurz zu fassen: ich würde einen Spaziergang im Park nebenan, indem man schon zig mal war, nicht als lokalen Tourismus einstufen, aber den ersten Besuch in der örtlichen Kunstgalerie – schon.
Es gibt eine Welt an lokalen Zeitvertreiben die dem, was ich beschreibe, ziemlich ähneln, obwohl ich erst davon vor Kurzem erfahren habe. Sie sind auch viel mit Natur und Bewegung verbunden, als das woran ich denke, und die Idee heißt Mikroabenteuer. Das erste Mal bin ich letztes Jahr darauf gestoßen, als ich zufälligerweise durch die Reiseabteilung gestöbert bin (da große Reisen ja nicht wirklich möglich waren) und das Buch ‘Raus und machen’ von Christo Foerster gefunden habe. Mich hat das Ganze ziemlich inspiriert, wie auch den Autoren selbst, denn der erste der die Idee popularisiert hat ist ein britischer Abenteurer namens Alistair Humphreys.
Später habe ich erfahren, dass es auch eine polnische Version der Bewegung gibt – Mikroexpeditionen. Das wiederum ist ein Blog/Website eines Entdecker-Paares, Asia und Łukasz Długowski, die Ausflüge zum Hirsch- und Wolf-Pirschen in unberührten Teilen von Wäldern anbieten. Sie leiten auch eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich mit der Erhaltung der wilden Natur beschäftigt und scheinen generell motiviert zu sein Menschen beizubringen wie man sich um die Umwelt kümmert, abgesehen davon, dass sie Spaß beim campen haben und dafür bezahlt werden.
All diese Leute haben eine bisschen andere Idee von dem, was Mikroabenteuer denn nun sind, obwohl sie im Großen und Ganzen praktisch vom selben erzählen. Alistair schreibt über das Thema: “Ein Mikroabenteuer ist ein Abenteuer, das kurz, simpel, lokal, billing – und trotzdem spaßig, aufregend, herausfordernd, erfrischend und bereichernd ist.” Christo hat die Definition ein bisschen erweitert, indem er bestimmte Spielregeln für sich aufgestellt hat, die ein Mikroabenteuer von einem generellen Outdoor-Trip unterscheiden, und zwar sind diese: “1) nur öffentliche Verkehrsmittel inkl. Bahn (kein Auto, kein Flugzeug); 2) draußen übernachten (ohne Zelt); 3) insgesamt maximal 72 Stunden unterwegs sein; 4) und natürlich #leavenotrace – alles wieder so verlassen, wie ich es vorgefunden habe.” Zum Schluss schlagen Asia und Łukasz eher eine Einsicht oder einen Vibe, anstatt konkreten Regeln, vor: “Denn Abenteuer ist überall. In den Bergen, am Meer und in der Stadt. Man kann ein Abenteuer nach der Arbeit, vor der Arbeit oder Nachts erleben. Man muss kein Athlet oder Draufgänger sein. Alles was man braucht ist ein Katzensprung entfernt von zu Hause und ein paar Stunden Freizeit.”
Christo schreibt auch sehr viel darüber in Hängematten in der Wildnis zu schlafen und ich finde diese Idee richtig faszinierend und inspirierend, obwohl ich noch daran arbeite sie umzusetzen. Ich habe ein bisschen Angst, muss ich zugeben, da ich nicht so ein großer Draußen-Schläfer bin, aber ich denke irgendwann schaff ich’s schon. Dieser Artikel ist sowieso ein Beweis dafür, dass kleine Schritte beim Reisen das Interesse (und benötigten Mut) für große Reise erwecken können, also bin ich mir sicher, dass ich auch, früher oder später, zwischen ein paar Bäumen rumhängen kann.
Es kann erscheinen, als sei das Thema dieses Posts gerade sehr günstig, oder genau das Gegenteil, wie man’s gerade sieht. Ich würde nur gerne klarstellen, dass es nichts mit der Pandemie zu tun hat, denn ich bin auf diese Weise schon lange unterwegs, und das, dass es sich jetzt als nützlich erweist in Zeiten wie diesen ist nur ein glücklicher Zufall. Ich wusste auch vorher nicht, ähnlich wie mit den Daten im letzten Monat, dass es Leute gibt die sowas schon vor mir gemacht haben. Nicht das ich dachte, ich hätte jetzt irgendwie eine neue Art des Reisens entdeckt, ich hatte nur das Glück es für mich selbst zu entdecken und mich seit ein paar Jahren darin zu üben.
So, ohne weitere Umschweife, ein paar Geschichten, ein paar Einsichten und ganz viele Reisen.
- Ein Tourist in der eigenen Stadt sein
Ich muss meinem ersten Reisegefährten dafür danken mir zu zeigen, dass man einfach rausgehen und Tickets für Sachen buchen kann und dafür, dass er mich ermutigt hat Orte zum Reisen zu finden und wirklich dahin zu fahren, obwohl meine ersten Tourismus-Abenteuer schon ein bisschen früher angefangen haben. Ich hatte Glück, dass jemand aus meiner Familie in eine der touristischsten Städte in Europa, Wien, gezogen ist, sodass ich einen recht bequemen Einstieg in die Welt der Großstadtreisen hatte. Und, noch besser, sie hatte ihre eigene Stadt noch selbst nicht erkundet, ist eher zwischen Uni und SWH gedüst, und so hatten wir die Möglichkeit den Ort zusammen kennenzulernen.
Ich kann mich an einige frühe Ausflüge erinnern, die historische Altstadt, die Hofburg, den Zoo, einen Winter mit ein paar Eislaufbahnen, die vorm Rathaus ausgeschüttet und mit vereisten Wegen verbunden waren, und ich kann mich erinnern, dass ich mich als sehr abenteuerlustig empfunden habe. Ich meine, ich war nicht einmal volljährig und habe praktisch schon den Traum gelebt. Ich habe nicht aufgehört die Stadt zu besuchen, habe dann ihre kulturelle Seite ein bisschen besser kennengelernt, Pride seit ein paar Jahren, das Ronacher-Theater, endlich mal Schönbrunn und eine sehr spezielle Ausstellung des Originalgemäldes Der Kuss von Klimt.
Während dieser ersten Reisen habe ich auch angefangen mehr über die industrielle und folkloristische Geschichte meiner damaligen Heimatstadt zu lernen und es hat mir immer mehr Spaß gemacht durch die Straßen zu laufen und Gebäude anzugucken. Ich hatte auch die Möglichkeit die örtliche Porzellanfabrik zu besichtigen, die mittlerweile zum kulturellen Hotspot geworden ist, und historische Arbeitersiedlungen, von denen eine zu einem national bekannten Filmset wurde.
Als ich zum studieren an einen anderen Ort umgezogen bin, habe ich mich unbeabsichtigterweise wieder in einer touristischen Stadt wiedergefunden. Ich habe mir anfangs nicht viel draus gemacht und blieb die meiste Zeit in meiner Wohnung, außerdem, ich hatte ja die Stadt schon einmal auf einer Klassenfahrt vor vielen Jahren besichtigt, also was blieb denn da noch wirklich zum anschauen übrig?
Aber, dann hatte ich unglaublich viel Zeit, ich fing an die lokale Kultur zu schätzen, ich lernte wie man überhaupt reist und spielte mit der Idee selbst Reiseleiter zu werden, also fing ich auch an die Stadt ein bisschen zu erkunden. Ich kaufte Reiseführer, besuchte das Tourismusinformationszentrum und schlendern einfach rum. Ich tat das, was meiner Meinung nach Touristen immer taten – Kirchen und Galerien besuchen und tausende Fotos machen. Ich habe nicht alles geschafft was ich wollte, da es in der Stadt noch viele Sachen zu entdecken gibt und es ist einfacher ein Tourist in der eigenen Stadt zu werden, wenn man jemand anderen herumführt, aber trotzdem habe ich das eine oder andere hingekriegt.
Ich habe Kirchen- und Universitätstürme erklimmt; kannte die Zootiere beim Namen; habe Panoramabilder der Stadt gemacht; habe eine lokale Ausstellung mit Wandmalerei im heruntergekommenen Kunstviertel der Stadt gesehen; habe etliche alte, deutsche Inschriften auf Häusern gefunden und sogar ein oder zwei lokale Theaterstücke gesehen. Vor einiger Zeit habe ich es auch geschafft ein vollwertiger Stadtbewohner zu werden, als ich mit Freunden auf die Spitze des städtischen Berges gewandert bin, wir haben sogar ein bisschen Heimatkunde von einer stereotypisch verrückten Archäologin gelernt, die wir auf dem Weg zufällig getroffen haben. Außerdem sind mir die meisten Schlösser und Ruinen, sowie die äußeren Stadtbezirke bekannt und einmal habe ich einen langen Spaziergang entlang des Flusses gemacht und komplett neue, unbekannte Pfade entdeckt. Die Situation in 2020 hat die Möglichkeiten der lokalen Erkundung nicht besonders eingeschränkt, da ich und meine Freunde beschlossen haben solange in der Gegend rumzuradeln, bis wir alle Schotterstraßen im näheren Umkreis auswendig kannten.
Was natürlich nicht heißt, dass die eigene Heimatstadt zu besuchen das A und O des Reisens bedeutet. Und ich weiß, dass es meistens nicht dem grandiosen, malerischen Abenteuer entspricht, welches sich die Menschen wünschen, sparen was das Zeug hält, um zwei Wochen exotischen Urlaub zu machen (was ich verstehe), aber trotzdem hat es genug Vorteile das man es zumindest mal ausprobieren kann.
Es ist einfach und preiswert und es bringt einen in Schwung. Ganz abgesehen davon, dass es nachhaltiger ist, was man, gewollt oder nicht, in Erwägung ziehen muss, da globaler Tourismus eine der wohl umweltschädlichsten Industrien der Welt ist. Es gibt viele Quellen zu diesem Thema und ich schlage drei vor, um meine Behauptung zu belegen: eine einfache Übersicht über den Einfluss des Tourismus auf die Umwelt, gesammelt von einer Lernunterstützungswebsite von BBC die sich ‘Bitesize’ nennt (was ein kecker Name ist, wenn man berücksichtigt wie sie ihre Inhalte formatieren). Für einen tiefgründigeren Einblick – ein Blog-Artikel von Tourism Teacher, worin die Autorin tiefer auf den umweltschädlichen Einfluss der Tourismus-Branche eingeht (mit vielen Beispielen und Ressourcen zum Weiterlesen) und, falls das noch nicht genug ist, zu guter Letzt schlage ich eine Zusammenfassung des negativen Einflusses des Tourismus in einem Artikel vor, veröffentlicht in einer Fachzeitschrift für agrarwissenschaftliche Studien im Mittelmeerraum, eines der vielen Artikel darüber, obwohl dieser eine das Thema relativ schlüssig aufgreift, meiner Meinung nach.
Kurz zusammengefasst, natürlich muss man als Tourist in der eigenen Stadt nicht semi-ziellos herumlaufen und auf Gebäude schauen. Jeder verbringt seine Frei- und Urlaubszeit gerne auf seine eigene Art und Weise. Alles was ich sagen will ist, dass es ein guter Weg ist etwas Neues zu lernen, sich in den Wurzeln seiner Heimat zu verankern und dabei ein bisschen Geld und ein Stück des Planeten zu sparen. Es muss nicht immer Bali sein. Manchmal reicht auch der See im Nachbarort.
- Dieselben Regeln im Ausland einsetzen
Es mag mir bewusst sein wie stark, und negativ, das Reisen (besonders mit dem Flugzeug) die Umwelt beeinflusst, trotzdem macht es mir viel Spaß. Ich mag das Ungewisse, etwas Neues zu sehen, meine Komfortzone zu verlassen. Ich hatte das große Glück schon ein ganzes Stück Erde zu sehen, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich die Möglichkeiten, die ich hatte, richtig geschätzt habe. Besonders im Ausland war ich immer ein sehr zielorientierter, effizienter Reisender. Der gute Reiseführer immer parat, eine Liste mit allem ‘was man gesehen haben muss’, alles abhaken, genug Beweisfotos einsammeln und todmüde ins Hotelbett fallen, nur um es am nächsten Tag wieder genauso zu machen. Natürlich ist da nichts falsch dran, wenn man gerne so reist. Ich kann es besonders nachvollziehen wenn man lange auf so eine Reise hinspart und nicht erwartet, den gleichen Ort nochmal zu sehen. Solches Reisen hat auch seine Vorteile, man kann wirklich im Voraus planen, man hat viel Auswahl und Freiheit, wenn man die Kontrolle über das, was man sehen möchte übernimmt. Und da steh ich voll dahinter.
Aber die Grundsätze des lokalen Tourismus sind anders, habe ich festgestellt, sie sind mehr auf Spontanität und Entdeckung ausgerichtet und auf eine Einstellung bei der es darum geht Dinge im Jetzt zu erleben, anstatt eine Checkliste zu haben die man vervollständigen muss.
Und so, selbst im Ausland, gibt es zwei Reisen die mir ins Gedächtnis fallen wo ich die Ideen des lokalen Tourismus an den Orten wo ich war angewandt habe und ich war mit den Ergebnissen genauso zufrieden. Vielleicht habe ich die wichtigsten Dinge nicht gesehen und ich habe nicht viel geplant, aber ist das wirklich so wichtig?
Der erste Ausflug war mein Auslandssemester in Deutschland. Vielleicht zählt das für die meisten nicht als ‘Ausflug’, eher als ‘kurzes dort-leben’, aber egal. Genau diesen Ort und diese Schule auszusuchen war schon ein Abenteuer in sich selbst, weil es ein ziemlich zufälliges Verfahren war. Ich wusste überhaupt nicht wohin ich gehen würde, ich mochte halt den Patronen der Universität – Johannes Gutenberg. Auf der Liste der Universitäten war dieser der einzige, der mir etwas sagte. Außerdem, obwohl ich ein paar Jahre in Deutschland aufgewachsen bin, war es eine komplett andere Stadt und eine komplett andere Erfahrung als Erwachsener dort alleine zu sein.
Um die Stadt besser kennenzulernen, und weil ich in den ersten Wochen keine Internetverbindung hatte, habe ich versucht an allem teilzunehmen, wofür ich mich nur anmelden konnte. Es gab ‘Klassenfahrt’-artige Ausflüge, geführte Stadtrundgänge und mich, wie ich einfach so rumlief, bis ich alle Wege in der Umgebung auswendig kannte.
Später, als das Semester verstrich und ich anfing Freunde zu haben, hatte ich noch mehr Chancen mich im lokalen Tourismus zu üben. Ich habe plötzlich Leute in der Stadt herumgeführt und erzählt was mir die Stadtführer vorher erzählt haben und habe im Rückzug auch lokale Geschichten gehört; ich habe tonnenweise Fotos gemacht, für Uniprojekte und einfach so; da gab es diesen einen Ausflug in eine Nachbarstadt an einem regnerischen Tag; Ausflüge den Rhein entlang; Unmengen an örtlichem Entertainment, hauptsächlich im Rahmen der Uni – Lesungen, Vorführungen von Studentenfilmen, so etwas in die Richtung; ich habe gelernt an der lokalen Praxis des ‘Marktfrühstücks’ teilzunehmen, die, um es elegant auszudrücken, sehr stark mit der Vinifikationstradition der Stadt verbunden ist; und ein sehr intensiver Tag als uns ein Bekannter aus China zu einem chinesischen All-You-Can-Eat-Restaurant außerhalb der Stadt begleitet hat und wir den ganzen Tag nichts anderes gemacht haben außer zu essen und Geschichten zu hören.
Der zweite Ausflug den ich beschreiben möchte, nach Rhodos, war etwas ganz anderes, obwohl eine Sache gleich war – ich hatte überhaupt keine Ahnung wo ich denn nun hinreisen würde. Als ich den Urlaub spontan gebucht habe, habe ich der Reisevermittlern nur gesagt – egal wohin, solange es in Griechenland ist. Es war das erste Mal, dass ich mir selbst einen Urlaub mit Fluganreise gebucht habe, so etwas wie einen Pauschalurlaub, nur in günstig. Was bedeutete, dass alle Gäste in diesem Termin einen gemeinsamen Charterflug hatten und wir dasselbe Ausflugsangebot vor Ort hatten, aber sonst waren alle Gäste in unterschiedlichen Hotels untergebracht und meins war weit weg vom Schuss in Ialysos, einem Örtchen außerhalb von Rhodos.
Am Ende des Tages war ich damit zufrieden, da ich den Trubel der Großstadt vermeiden konnte, aber ich kann mich erinnern, dass ich am ersten Tag dennoch höllisch angepisst war. Es war heiß und unangenehm und ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen soll. Eine ganze Woche! Alleine, in einem Land, wo ich nichtmal die Sprache spreche! Was habe ich mir nur gedacht!
Irgendwie, fast wie per Autopilot, haben sich die Jahre des lokalen Tourismus doch ausgezahlt und ich bin einfach losgeschlendert. Am ersten Tag habe ich mir den Rücken verbrannt und ich habe alles gehasst, aber am Ende hat es sich dann doch gelohnt. Ich habe Ganztagesausflüge gebucht und wann immer mir ein Name eines Nachbarortes gefiel bin ich einfach dort hingegangen. Und alles hat geklappt. Ich habe eine Stadt gesehen, wo es nur um Schwämme ging; ein Kloster nachdem die Hälfte der Einwohner der Insel benannt wurden; ich habe den Sockel des Kolosses von Rhodos besucht; ich bin von Schiffen in Buchten gesprungen; ich habe Fußball in einer britischen Bar angeschaut; ich habe eine Akropolis in einer Stadt aus Zuckerwürfel-Häusern besichtigt und, nachdem eine der Reiseleiterinnen es nur mit einem Wort erwähnt hat, als wir mit dem Schiff vorbeigefahren sind, habe ich ein paar Tage später ein Thermalbad auf einer Klippe aufgesucht. Und das war sogar das schönste was ich während meinem Aufenthalt dort gesehen habe.
Lokaler Tourismus, so wie ich ihn sehe, unterscheidet sich nicht übermäßig von normalen Besichtigungen, besonders im Ausland, das verstehe ich. Aber wie gesagt, es hat eine bestimmte Spontanität an sich, es ist kein ‘großes Ding’, es geht darum Sachen zu entdecken, meistens zu Fuß, und lokal zu bleiben, egal wo man sich befindet. Es geht mehr darum Dinge passieren zu lassen und dem Ort zu erlauben zu dir zu kommen, anstatt große Erwartungen zu haben und Postkarten-Erinnerungen zu sammeln, nur um später aufzählen zu können wo man denn überall war. Also obwohl ich diese zwei Erfahrungen an fernen Orten gemacht habe, hat sich die Art, diese kennenzulernen, genauso angefühlt, als wenn ich meine Heimatstadt besichtigen würde.
- Ein Thema festlegen
Über die Jahre in denen ich eben ‘rausgegangen bin und etwas gemacht habe’, denn so hat dieser ganze lokale Tourismus ja für mich angefangen, habe ich unerwarteterweise eine Idee gefunden, wodurch mir diese Art von Reisen noch mehr Spaß machte. Ich habe einfach jedem Ausflug ein Thema zugewiesen, weil es sich richtig anfühlte, und wenn ich jetzt darauf zurückblicke ist es auch dies, was es definitiv vom normalen Reisen unterscheidet. Es gibt viele Themen die ich in der Zwischenzeit gewählt habe, bezogen auf Objekte, Verkehrsmittel und Medien, und ich habe ein paar davon unten gesammelt, um meine Idee noch ein bisschen zu verdeutlichen.
Das erste Thema, an das ich mich erinnern kann, wurde für mich ausgewählt und als Kind habe ich es gehasst. Wir sind mit unseren Großeltern 5 Minuten mit dem Zug gefahren, nur um 1.5 Stunden durch ein Tal zurück nach Hause zu laufen. Ich habe mich immer davor drücken wollen, denn wir haben es damals ziemlich oft gemacht und ich habe Wandern gehasst.
Aber letztes Jahr, als ich meinen Großvater wieder das erste Mal seit langem besucht habe, war die erste Sache um die ich ihn gebeten habe genau denselben Zug zu nehmen und durch dasselbe Tal zu wandern. Plötzlich erschien es mir lächerlich klein und kurz, und die Bäume und Mühlen schienen verkümmert zu sein; aber ich war trotzdem so glücklich, dass ich die Chance hatte, es nochmal zu erleben.
Ich habe diese Idee auch bei anderen Gelegenheiten angewendet, zum Beispiel während meines Auslandssemesters, als ich noch keine Internetverbindung hatte und da ich am Wochenende nichts anderes zu tun hatte, bin ich einfach ein paar Minuten mit dem Zug in eine Richtung gefahren und zurück zum Studentenwohnheim gelaufen, durch ein scheinbar endloses Meer an Weinbergen.
Zu dieser Zeit, den Wochen, in denen ich alleine lebte, habe ich auch eine Leidenschaft für sogenannte “Foto-Wanderungen” entwickelt, dem nächsten Thema auf meiner Liste. Eigentlich erklärt sich das von selbst, und ist ziemlich einfach, aber bietet auch eine bestimmte Art von Freude. Ich weiß nicht was genau dieser Prozess in sich hat, der Fokus um gute Bilder zu finden, mit Winkeln und Einstellung und Skalen zu spielen, aber es macht aus jeder Wanderung etwas besonderes, zumindest für mich. Außerdem erfahre ich dadurch Flow, was ja auch ganz nett ist.
Und es geht nicht mal um die Bilder selbst (obwohl ich gute Bilder schon mag), alleine die Betätigung des Auslösers ist schon befriedigend genug. Ausblicke einzufangen und sie auf eine gewisse Art zu verewigen ist schon eine interessante Sache. Außerdem ist es eins meiner wenigen Hobbies. Ich meine, schreiben gehört ja auch dazu – nicht auf Dauer hoffentlich – aber Fotografie ist tatsächlich etwas was ich nur um der Sache selbst tue, ich muss nicht gut darin sein, es soll nur Spaß machen. Aber, ich schweife ab.
Eine andere Leidenschaft von mir für eine ganze Weile war alles was mit Fantasy/Mittelalter zu tun hatte. Ich meine, ich mag Herr der Ringe und so, und die ganzen anderen Iterationen des Genres und wenn es um Gebäude geht gibt es kaum was schöneres für mich als Schlösser. Als ich zum studieren umgezogen bin, habe ich nicht nur eine touristische Stadt gewählt, sondern bin auch im Herzen einer historischen Region voller Gebäude aller Art und Größe gelandet, inklusive Schlösser, also waren meine Wochenendpläne eine Zeit lang ziemlich klar.
Zu der Zeit besaß ich sogar eine Schlösser-Karte und es war mir immer eine Freude die Umgebung nach Überbleibseln früheren Ruhmes, bis hin zu wunderschön restaurierten Palästen abzusuchen. Ach, all diese Erinnerungen, es gab schon so viele Schlösser in meinem Leben, nicht nur hier sondern generell. Ich kann mich an schwierige Wanderungen erinnern; daran Schwerter zu schwingen; von Geschichten über Könige und Prinzessinnen fasziniert zu sein; durch schreckliche Kerker zu schlüpfen; Äpfel aus Obstgärten zu stibitzen; Jahre später Picknick-Nachmittage an denselben Schlössern zu verbringen und natürlich einen Haufen an Bildern mit Fluss-, Schloss- und Talausblicken zu sammeln. Ich plane meine Reisen nicht mehr so oft um Schlösser herum, aber wann immer ich die Möglichkeit habe doch ein neues zu sehen – dann bin ich als erster dabei.
Im ähnlichen Stil habe ich jetzt mein Interesse von Schlössern auf Wälder verschoben und es ist eine meiner großen Freuden örtliche Wälder zu erkunden, Wälder überall dort zu besichtigen, wo ich gerade bin, einen Herbstspaziergang mit einer Thermoskanne heißen, süßen Tee zu machen und einfach die Ruhe der Bäume zu genießen. Ich kann mich an den ersten Sommer erinnern, als ich das gemacht habe, als ich jeden Wald in und um meiner Stadt herum besucht habe und wie ich die wunderschönsten Orte gefunden habe, komplett geschützt vom hektischen, lauten Alltag in der Stadt. Ich kann mich erinnern als Kind durch mächtige Wälder geritten zu sein, die Bäume zu beobachten und zu bewundern, sich zwischen ihnen zu verstecken, Felsvorsprünge zu erklimmen und generell entspannt zu sein – naja, außer bei diesem einen Baum, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag – weil es beim Alleinsein im Wald nichts erschreckenderes gibt als andere Menschen anzutreffen. Aber die Bäume selbst – na, die erinnern mich an Ents, und Ents sind schließlich der Inbegriff von Seelenruhe.
Aber nicht nur Symbole der Vergangenheit oder Dickichte voller freundlicher, schlaksiger Setzlinge riefen nach mir, ich werde auch ganz oft von Popkultur und Medien beeinflusst, wenn ich auf der Suche nach neuen Orten zum Hinreisen bin. Zwar würde ich das folgende nicht als lokalen Tourismus einstufen, aber dafür als deutlichstes Beispiel für diesen Mechanismus, nämlich als ich 500 Boylston Street besucht habe, das Gebäude der fiktiven Anwaltskanzlei Crane, Poole & Schmidt aus der Serie Boston Legal, die immer noch zu meinen Favoriten gehört. Und ja, trotz aller Dinge die ich Boston und den Staaten überhaupt sehen konnte, war es unter diesem Gebäude zu stehen (wo sie nicht mal gefilmt haben oder so) was wahrscheinlich das Beste auf der ganzen Reise war. Ach und Broadway, aber hey, wieder eine Geschichte für einen anderen Tag.
In einem lokaleren Rahmen kommen mir zwei Medienprodukte in den Sinn. Zum einen, und auch die Geschichte wie ich generell angefangen habe alleine zu reisen, war die Zeit als ich einer Band durch ganz Polen gefolgt bin. Kein wirklich einzigartiges Ding, denke ich, ein Groupie zu sein, selbst wenn es um eine Gruppe geht die internationale Musical-Klassiker auf Polnisch singt. In einem Jahr bin ich zu 12 Konzerten oder so von ihnen gegangen, in allerlei verschiedenen Städten. Ich bin dann immer über Nacht geblieben, in komischen Räumen oder Hotels, und habe mir zuvor unbekannte Städte besichtigt. Die Gruppe heißt Studio Accantus und ich war so verrückt danach, was sie geleistet haben, dass ich zufälligerweise dadurch das Solo-Reisen gelernt habe. Was ganz cool ist und ein bisschen gute Musik habe ich unterwegs auch gehört.
Zum anderen, eine Geschichte die eigentlich ihren eigenen Post verdient, war als ich ein altes koreanisches Waisenhaus in einem kleinen Örtchen in Niederschlesien besucht habe. Ich habe von der Geschichte erfahren als ich die Autorin auf einem Uniausflug kennenlernen durfte und sie hat mich gefühlstechnisch dermaßen in den Ruin getrieben, dass ich sie lange nicht loslassen konnte. Ganz kurz gefasst geht es darum als ein Haufen koreanischer Kinder in den 50ern nach Polen gebracht wurden, kommunistische Bros die sich aushelfen, versteht sich. Eines der Kinder wurde krank und musste in ein Krankenhaus in Wrocław, wo sie leider verstorben ist. Ihr Grab ist aber noch da, sowie das Grab des Arztes, der sich um sie gekümmert hat, als auch die Ruinen der Waisenhäuser in einer kleinen Stadt eine Weile von hier entfernt. Ich habe alle besucht und alles gesehen. Es ist schon krass sowas ‘lokalen Tourismus’ zu nennen, aber im Endeffekt war es das ja. Die Geschichte ist auch im Kontext dieses Artikels nicht so wichtig. Es ist ja nur das was mich angetrieben hat den kleinen Ort aufzusuchen und durch ein paar, leider zerfallende, Häuser zu urbexen. Ganz klar ein Abenteuer und auch die kleinste Einsicht in was für überraschende Geschichte überall versteckt sind.
Zum Schluss, der Höhepunkt meiner Solo-Reisen und des lokalen Tourismus – meine Rundreise durch Deutschland letztes Jahr. Ich weiß nicht ob man das überhaupt noch ‘lokalen’ Tourismus nennen könnte, aber andererseits habe ich Freunde und Orte besucht die ich schon kannte, und da es eh irgendwie mein Heimatland ist, hat es sich eindeutig lokal angefühlt. Natürlich habe ich auch die gleichen Regeln befolgt die lokalen Tourismus meiner Meinung nach ausmachen, also gilt das schon denke ich. Das Thema war – Rucksack auf den Rücken und losziehen, die nächste Haltestelle immer vor Ort auswählen. Ich hätte nie gedacht dass ich jemals so etwas mal machen würde. Alleine, ohne Plan. Ich hab nur das erste Ticket zum ersten Ziel, Wien, gekauft und von dort aus war alles offen. Die nächsten Tickets habe ich unterwegs gekauft und ohne viel Gedanken oder Warnungen habe ich Leuten geschrieben und plötzlich sind Dinge passiert.
Und was für ein Sommer das war. Neue und alte Freunde treffen; unterwegs Wäsche machen; neue Orte besichtigen, neue Lebensweisen kennenlernen; bei einer Taufe dabei sein; ein friedliches Farmleben abseits des Alltags genießen; einen Haufen Spaß haben; das erste Mal in einem Hostel übernachten; Familie wieder treffen; und sich fähig fühlen eigene Pläne einzuhalten. Im Großen und Ganzen eine Reise, die sich gelohnt hat, und dadurch verbessert wurde, denke ich, dass ich einige Spielregeln eingehalten habe, wie bleib lokal, spontan und ein kleines bisschen nachhaltiger.
Ich kann jetzt einsehen, dass ich schon seit langem mit der Idee des lokalen Tourismus rumgespielt habe und es ist spannend zu sehen wie viele solcher Erfahrungen ich in der Zwischenzeit gesammelt habe. Ich reise gerne auf diese Art, denn es ist einfach und anpassungsfähig und ein wunderbarer Weg sein Umfeld interessanter zu machen. Natürlich ist es auch ein einfacher und direkter Weg mal an was anderes zu denken, wenn man eine kurze Pause braucht, aber gerade keinen exotischen Urlaub will oder haben kann.
Dadurch will ich nicht sagen dass ich nie wieder groß reisen werde, sondern einfach dass klein reisen auch gut ist. Ich kann es kaum erwarten die mikroabenteuerliche Seite des Ganzen zu entdecken und endlich in einer Hängematte zu schlafen, um nicht nur meine Füße, sondern auch meine Seele, baumeln zu lassen, wie man doch so schön sagt. Früher oder später komme ich noch dazu, dann werde ich wieder neue Geschichten und Erfahrungen haben, auf die ich dann schmunzelnd zurückblicken kann.
Zum Schluss muss ich noch anmerken, dass lokales Reisen ein guter Weg ist Selbstvertrauen aufzubauen. Als ich mit der Oberstufe anfing hätte ich mir nie ausmalen können mal alleine in ein Flugzeug zu steigen oder den Kontinent zu verlassen oder überhaupt irgendetwas von dem, was ich hier beschrieben habe – und jetzt, langsam aber sicher, dank vielen Freunden und Bekanntschaften habe ich es geschafft an einem Moment im Leben anzukommen wo das Reisen nicht mehr angsteinflößend ist, sondern ganz im Gegenteil – einfach nur Spaß macht.
Einführung:
- MyTravelResearch, Local Tourism Marketing – The Low Hanging Fruit, https://www.mytravelresearch.com/local-love/
- Alistair Humphreys, Microadventures, https://alastairhumphreys.com/microadventures-3/
- Christo Foerster, Mikroabenteuer – einfach gute Outdoor-Erlebnisse vor der Haustür, https://www.christofoerster.com/mikroabenteuer
- Mikrowyprawy, https://www.mikrowyprawy.com.pl/
Ein Tourist in der eigenen Stadt sein:
- Wien, https://www.wien.info/en
- Fabryka Porcelany, http://www.fabryka-porcelany.pl/
- Zabytki Techniki, https://www.zabytkitechniki.pl/poi/1715
- Wrocław, https://www.wroclaw.pl/
- BBC, Tourism. Positive and negative impacts of tourism, https://www.bbc.co.uk/bitesize/guides/zqk7hyc/revision/3
- Tourism Teacher, Environmental impacts of tourism, https://tourismteacher.com/environmental-impacts-of-tourism/
- Sunlu U. Environmental impacts of tourism. In : Camarda D. (ed.), Grassini L. (ed.). Local resources and global trades: Environments and agriculture in the Mediterranean region. Bari : CIHEAM, 2003. p. 263-270 (Options Méditerranéennes : Série A. Séminaires Méditerranéens; n. 57) https://om.ciheam.org/om/pdf/a57/04001977.pdf
Dieselben Regeln im Ausland einsetzen:
Ein Thema festlegen:
- Zeitzgrund, https://www.thueringen.info/zeitzgrund-und-muehltal.html
- 500 Boylston Street, https://500boylston.buildingengines.com/
- Europejski Szlak Zamków i Pałaców, Zamki i Pałace Dolnego Śląska, http://szlakzamkowipalacow.eu/zamki-i-palace/
- Regionalna Dyrekcja Lasów Państwowych we Wrocławiu, https://www.wroclaw.lasy.gov.pl/
- Jolanta Krysowata, Skrzydło anioła, https://www.goodreads.com/book/show/20798873-skrzyd-o-anio-a-historia-tajnego-o-rodka-dla-korea-skich-dzieci?ac=1&from_search=true&qid=Y95XUNcySf&rank=1
- Personal Instagram (@neyenna), Summer 2020, https://www.instagram.com/p/CEixJV5H67u/