Daten

Es gibt endlose Themen und dann gibt es das Thema ‘Daten’. Hierbei handelt es sich um so ein gigantisches und komplexes Konzept, welches in so vielen verschieden Kontexten benutzt wird, dass es naiv erscheint dessen ganze Bedeutung in einem Satz oder auch nur einem Artikel zu erfassen. Zum Glück habe ich das nicht vor.

Bevor ich aber den Grund nenne warum ich überhaupt darüber schreibe, muss ich erst meine Streber-Brille auf die Nase rücken und das Wörterbuch rausholen. Daten, sagt der Duden, sind ‘(durch Beobachtungen, Messungen, statistische Erhebungen u. a. gewonnene) [Zahlen]werte, (auf Beobachtungen, Messungen, statistischen Erhebungen u. a. beruhende) Angaben, formulierbare Befunde’. Also mal ganz abgesehen vom Inhalt sieht diese Definition einfach nur herrlich aus. Aber gut, was sagt die denn aus – dass es sich bei Daten um eine Art Werte handelt. Das bringt uns aber nicht viel weiter, denn Werte ist nur ein Synonym für Daten. Was ist denn also ein Wert? Duden klärt auf: ‘in Zahlen oder Zeichen ausgedrücktes Ergebnis einer Messung, Untersuchung o. Ä.; Zahlenwert’. Und das ist schon glaub ich irgendwie näher am Ziel, aber trotzdem irgendwie auch das gleiche wie die andere Definition. Es ist ja alles auch nur Semantik und es ist leicht sich bei so großen Themen im Kreis zu drehen. Vielleicht gibt es eine bessere Methode das Thema vorzustellen.

Also schau ich mal kurz wie die Kontexte aussehen in denen Daten vorgestellt werden, vielleicht funktioniert das besser. Ich habe das Wort ‘data’ durch drei verschiedene Wortassoziations-Programme gejagt, was an sich eine lustige Angelegenheit ist, aber auch das gewählte Wort in dessen meistgenutzten Kontexten zeigt. Auf den ersten Blick waren die Ergebnisse ziemlich gleich. Hierfür habe ich das Word Associations Network, Related Words und Visuwords benutzt, wobei letzteres total spaßig ist, weil Verknüpfungen in der Form von Karten und lustigen, rumhüpfenden Blasen angezeigt werden.

Die häufigsten Assoziationen beziehen sich, was niemanden wundert sollte, auf IT, Wissenschaft und Mathe. Da kommen solche Worte wie Statistik und Ingenieurwesen vor, aber auch Computing. Datendateien, die jedem PC-Nutzer bekannt sind, und Datenverschlüsselung, bei denen man sofort an in Russland steckende Ex-NSA Angestellte denkt, und verbunden damit, an Datenschutz. Es gibt auch Konnotationen mit dem akademischen Bereich, wie Umfragen und Schätzungen, und Sachen die experimental oder empirisch sind. Ich würde da noch Business irgendwo mit einbeziehen, wer kennt es nicht, datengesteuert dies, Big Data jenes. Ich persönlich verbinde Daten auch mit Marketing, weil so habe ich mich das erste Mal richtig mit dem Thema auseinandergesetzt, in PR und Medien-Kursen, wo wir Daten genutzt haben um Consumer Insights zu erhalten, und Ähnliches.

Das Thema wird auch in verschiedenen, manchmal gegensätzlichen Zusammenhängen dargestellt, mal sind Daten eine unheimliche Waffe um Ereignisse in entmenschlichende Diagramme und Nummern zu kondensieren, manchmal sind sie die Helden medizinischer oder anderer wissenschaftlicher Durchbrüche und, vielleicht am klischeehaftesten, der Fluch jener Studenten die in ihrer Zeit Statistik-Kurse belegen mussten.

Aber da steckt noch so viel mehr dahinter. Sachen die man gar nicht mit Daten verbindet sind genau das, wie zum Beispiel ein Tachometer, was eigentlich nur eine dynamische, visuelle Darstellung bestimmter Prozesse ist, die in Zahlen gemessen werden. Oder Seiten in einem Buch und die dazugehörigen Inhaltsverzeichnisse. Das sind alles Daten, so oder so visualisiert. Obwohl, wenn man so an die Sache rangeht, sind eigentlich alle Dinge die man beschreiben kann Daten, denn Beschreibung selbst ist eine Art von Datendarstellung.

So, zumindest hat sich jetzt definitiv herausgestellt, dass das Thema ziemlich endlos ist. Ich habe schon um die 600 Wörter geschrieben, was einer standardmäßigen Google Docs Seite entspricht, und ich habe noch nichts wirklich gesagt oder erklärt. Ich habe nur verschiedene Anhaltspunkte in die Luft geworfen und darauf gehofft dass das alles irgendwie einen Sinn ergibt. 

Um es also einfacher zu machen, und langsam zum Punkt zu kommen, halte ich eine Sache fest: wenn ich Daten sage, dann denke ich an ein bestimmtes Video von dem deutschen YouTuber Rezo, nämlich ‘Die Zerstörung der Presse’. Darin geht es nicht direkt um Daten und der Teil der für diesen Artikel relevant ist stellt nicht mal ein Drittel dessen Inhaltes dar, aber dennoch ist es so eine datenbezogene Meisterleistung, dass es sich falsch anfühlen würde hier irgendetwas anderes anzubringen. Für die die das Video nicht kennen, eine kurze Zusammenfassung: Rezo untersucht, kritisiert und arbeitet verschiedene Fehler der deutschen Presse ausführlich auf und um seine Argumente zu prüfen und zu belegen führt er eine Untersuchung durch, die auf Artikeln über ihn selbst basieren. Wie er selbst erklärt ist das schließlich eine Thematik mit der er sich am besten auskennt. Daraufhin entsteht eine umfangreiche Datei die jegliche Missstände öffentlich zugänglicher Artikel über ihn aufführt und noch einige Statistiken dazu. Ich kann das Video natürlich nur empfehlen, denn wie Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in einem ZAPP-Interview anmerkt ist es “eine Art Lernstunde der Medienkompetenz” und “eine in Kritik verpackte Liebeserklärung an den seriösen Journalismus”. Was mir besonders an dem Video gefällt ist eben diese Datenbearbeitung, die zeigt wie nützlich Daten sind, dass man sie in verschiedenen Kontexten gebrauchen kann und wie einfach es auch irgendwie ist, ein Recherchethema zu finden. Das Video ist echt stark, die Selbst-Analyse noch viel stärker, und man kann viel daraus lernen. Das Quellendokument beschreibt den Rechercheprozess sehr genau und nachvollziehbar und ich finde es kann einen schon dazu inspirieren verschiedene Sachverhalte mit Daten zu bearbeiten oder zu belegen. Außerdem, so ganz nebenbei, hat es mich auch ein stückweit dazu motiviert bei meinen eigenen Artikeln hier auf diesem Blog immer Quellen anzuführen, obwohl ich nur in meiner kleinen Ecke des Internets versuche interessante Sachen zu teilen.

Da das alles nun geklärt ist, muss ich kurz festhalten über was ich denn nun schreiben werde. Wie eben angemerkt ist mein Hauptziel immer interessante Sachen zu teilen, aber genauer gesagt möchte ich in diesem Text darauf eingehen was genau ich an Daten und den dazugehörigen Prozessen mag, ich will auch ein paar weitere Beispiele zeigen wo und wie das Ganze angewendet werden kann und am Ende eine bestimmte Art von Daten vorstellen die mir persönlich nahe gehen, im wortwörtlichen und funktionellen Sinne.

  1. Was Daten cool macht

Ich war nie richtig gut mit Zahlen, eher künstlerisch/geisteswissenschaftlich angehaucht als Mensch, obwohl ich Mathe als Fach eigentlich mochte und auch wenn es in Bio um Genetik ging war ich immer mit dabei, denn das ist schließlich auch nur Mathe. Dann an der Uni, als ich mich mit verschiedenen Arten von Daten auseinandersetzen musste, habe ich angefangen mich doch für Zahlen zu interessieren und ich habe gemerkt, dass sie vor allem echt viel Spaß machen. Die Recherchen an denen ich teilnehmen durfte waren mir immer ein inneres Blumenpflücken. Der Prozess fängt ja schon vor der Datensammlung an, wenn man mit seinen Kommilitonen zusammensitzt und sich in freudiger Runde für Studienthemen und Umfrage-Fragen entscheidet. Dann muss man die Daten auch einsammeln, aber da fühlt man sich ja so wissenschaftlich und wichtig wenn man Leuten die selbsterstellten Fragebögen zum Ausfüllen in die Hände drückt. Später muss man dann die ganzen Daten erfassen und in eine Datei einführen, über Nächte hinweg, mit blutunterlaufenen Augen und komischen Videos im Hintergrund. Dann sieht man aber wie die Daten förmlich die Tabelle überströmen und man kann das Ganze dann organisieren und kategorisieren, um am Ende dieses langen und schmerzvollen Prozesses seine Ergebnisse zu haben, Summierungen, Prozente und Diagramme, alles basierend auf den eigenen Zahlen. Zum Schluss darf man dann die Ergebnisse noch interpretieren und sehen was man durch seine eigene harte Arbeit erreicht hat, von der Idee bis hin zu echten Befunden. Gratuliere, du hast erfolgreich gewissenschaftelt. Die Erkenntnisse dieser Arbeit müssen nicht atemberaubend oder lebensverändernd sein, aber es ist dennoch gute Übung, ein Test der eigenen Fähigkeiten, eine Möglichkeit zu Lernen, alles. Na ja, einfach Spaß eben.

Damals dachte ich das wäre die einzige Chance Spaß mit Daten zu haben. An der Uni, in verrückten Seminaren, als wir dachten die Herrscher*innen des Wissens und progressiver Ideen zu sein. Die echte Welt ist anders, dachte ich. Zahlen und Tabellen machen keinen Spaß mehr wenn du an deinem Schreibtisch im muffigen Großraumbüro sitzt, wo du ständig nur Deadlines hinterherrennen und Meetings ertragen musst, die eigentlich hätten E-Mails sein können. 

Aber es stellt sich heraus – sie tun es doch. Ich hatte viele Gründe in einer Korporation arbeiten zu wollen, ich habe mich zum Beispiel speziell für eine Stelle beworben in der meine Deutschkenntnisse zum Einsatz kommen würden. Ich wollte möglichst viel Raum zum Schnacken haben, aber auch wissen was es mit so einer Arbeit auf sich hat. Ich hatte eine sehr romantische Vorstellung davon wie ein Büro funktioniert, geprägt durch die Jahre die ich damit verbracht hatte amerikanische Popkultur zu konsumieren. Naja und irgendwo musste ich natürlich auch noch etwas Geld verdienen. Trotz alledem war es auch tatsächlich der Gedanke ein normaler Büroangestellter zu sein, mit seinen knechtischen, monotonen, nervtötenden Aufgaben, der mich reizte. Ich habe mich wirklich darauf gefreut den ganzen Tag in Excel rumzuspielen und lernen es richtig zu benutzen und sich ein paar mehr Formeln anzueignen, als die die ich mir selbst beigebracht hatte.

Und letzteres war ein großer Teil warum ich meinen Job mochte. Obwohl ich im Finanzbereich tätig war, wo ich jeden Tag Rechnungen bearbeiten und andere Dinge tun musste, die mich ja mal genau null interessierten, war es schon spannend Berge an Dateien durchzukämmen und Zahlen zu ordnen. Im Endeffekt blieb ich nicht lange in dieser Firma, denn mir wurde klar ich will mein Leben nicht im Dauerstress verbringen, den Deadlines und Büropolitik mit sich bringen, aber ich denke gerne an die Überstunden zurück in denen ich Rechnungstracker optimiert habe.

Also, Spaß ist der erste Grund der meines Erachtens Daten cool macht. Der zweite ist Wissen. Weil deswegen nutzt man ja Daten überhaupt und das ist auch das eigentliche Ergebnis bei Datenbearbeitung. Egal ob es wissenschaftliche Sachkenntnisse, Consumer Insights, Grundlagen für Business Entscheidungen oder etwas simples wie ein persönliches Monatsbudget sind – das Ziel jedes datengetriebenen Vorhabens ist es ein bestimmtes Wissen zu erlangen. Ein Grund wiederum das zu tun ist Neugier – und wie man diesem Blog leicht entnehmen kann dreht sich bei mir alles um Neugierde.

Was mir besonders an der Art von Wissen welches man durch Datenbearbeitung erntet gefällt ist, dass man von einer großen Anzahl an scheinbar zusammenhanglosen oder uninteressanten Informationen eine kleine Anzahl an einfachen und plötzlich sehr interessanten Beobachtungen gewinnen kann. Man erhält die Möglichkeit komplexe Prozesse nachvollziehbar zu betrachten und Einsichten in verschiedene Angelegenheiten zu erlangen, welche auf andere Weise unmöglich wären.

Ich bin ein großer Fan von Wissen generell, besonders von unnötigen Wissen. Oder was man für unnötig hält jedenfalls, denn so wirklich denke ich nicht das es so etwas gibt. Natürlich entstehen Situationen wo bestimmtes Wissen in gewissen Umständen relevanter ist, aber einfach so allgemein zu entscheiden das einzelne Arten von Informationen belanglos sind, das ist doch ein bisschen gemein, oder?

Denn das ist ja das schöne an Daten, dass man sie einsetzen kann um etwas über die verschiedensten Sachen zu erfahren, groß oder klein, universell oder speziell, ‘bedeutend’ oder ‘unbedeutend’. Sie sind auch ein großartiges Mittel um Muster zu erkennen, und Muster sind ein weiterer Grund warum ich Daten mag. Denn Muster sind eine Form von Ordnung

Das klingt vielleicht ein bisschen komisch, oder unsinnig, da Daten ja generell ein Haufen vieler Kleinteile bedeutet, die eben nicht geordnet sind. Zum Glück aber ist das nicht alles. Daten, und besonders Datenbearbeitung, schaffen Ordnung. Jede Zelle hat ihren Platz in der Tabelle, jeder Eintrag seine Kategorie und am Ende wird alles in einfache Visualisierungen verpackt, die für Klarheit und Verständnis sorgen. Im Idealfall wenigstens.

Vielleicht mag ich deswegen auch Design, denn egal wie chaotisch es einem anfangs erscheint bedeutet doch Problemlösung nicht viel mehr als Ordnungsschaffung. Ich mag Sachen die symmetrisch sind, nummeriert und geordnet, und Daten zu bearbeiten erlaubt es mir einen kleinen Ausschnitt der Realität zu kontrollieren und eben genau diese Ordnung selbst zu schaffen. 

Vielleicht bin ich auch einfach nur ein Kauz, der dank Daten ein Gefühl von Frieden und Erleichterung verspürt, aber wenn’s nur das ist was mich friedlich und erleichtert stimmt, dann gibt es wohl noch Schlimmeres auf der Welt. Datenbearbeitung bietet auch die Möglichkeit vieles zu üben, Muster in scheinbar unverbundenen Sachen zu erkennen, Details zu analysieren und spezifische Elemente im Gesamtbild zu erfassen. Könnte ziemlich gut und nützlich sein, denke ich.

Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung zu der absoluten Krönung der Datenordnung – Informationsdesign. Was soviel bedeutet wie die Wege wie man Informationen präsentiert um Verständnis zu erreichen. Dieses Gewerbe ist mit Grafikdesign und Datenvisualisierung verbunden, wenngleich das eigentliche Ziel davon ist Informationen effektiver zu machen, nicht nur optisch ansprechend. Obwohl bündige, klare Datendarstellung selbst schon sehr schön ist, finde ich.

  1. Beispiele cooler Daten

Es gibt zig interessanter Beispiele für Datenprojekte aus der ganzen Welt und dazu noch zu fast jedem Thema. Die zu finden, die ich gerne hier teilen würde ist schon eine schwierige Aufgabe. Deswegen habe ich mich nur für drei entschieden die sehr unterschiedlich sind, mit unterschiedlichen Zielen, Bereichen und Ausmaßen, obgleich ich zu allen irgendwie eine persönliche Verbindung habe.

Zum Anfang erstmal eine Website, oder eigentlich eine Software, die dazu dient verschiedene Fragen zu beantworten, mittels allerlei Wissen und Algorithmen. Ich bin da nicht so bewandt wie das alles funktioniert, aber es macht schon höllisch Spaß damit rumzuspielen. Ich kann mich daran erinnern als Kind viele Stunden damit verbracht zu haben Fragen einzutippen und die Resultate durchzustöbern. Alles fing damit an als mein Bruder mir die Seite gezeigt hatte und wir einfach da saßen und Sachen gesucht haben. Bei der Plattform handelt es sich um Wolfram Alpha, einer wissensbasierten Rechenmaschine, im Prinzip eine Art Google für wissenschaftliche Berechnungen und so.

Ich bin mir sicher wenn jemand weiß wie man es richtig nutzt kann dieser Service sehr hilfreich sein, auch wenn es darum geht große Kalkulationen oder Erforschungen mit riesigen Datensammlungen durchzuführen. Aber ich bin nunmal kein Experte, sondern im Herzen eigentlich noch ein Kind, das gerne wissen will wie der älteste Hund der Welt hieß (Bluey, mit 29 Jahren) oder welcher Tag der Woche am 17 Mai 1678 war (es war ein Dienstag). Das und vieles mehr kann man dank Wolfram Alpha erfahren und eine Information ist mir sogar besonders im Gedächtnis geblieben. Wir saßen also da mit meinem Bruder und haben irgendwelche Suchergebnisse durchstöbert als wir auf das Land mit der kleinsten Einwohnerzahl gestoßen sind, nämlich die Pitcairn Island mit 56 Einwohnern. Damit habe ich noch viele Jahre später bei jeder Möglichkeit angegeben. Ein kurzer Check gerade eben hat mir gezeigt, dass im Moment das Gebiet mit der kleinsten Einwohnerzahl die South Georgia and the South Sandwich Islands sind, mit sagenhaften 30 Bürgern, aber irgendwie ist das dann wieder viel geiler.

Was ich an Wolfram Alpha mag ist, dass es so ein wunderbares Tool ist um Wissen zu erwerben, wobei es lustig und zugänglich ist. Man muss sich daran gewöhnen wie man die Inputs zu formulieren hat, aber da muss man nur ein paar Minuten rumprobieren und man hat den Dreh raus. Ich sag’s nochmal, vielleicht war ich einfach nur ein komisches Kind, aber zufällige Fun Facts über die Welt zu erfahren, berechnet von einer extrem hochentwickelten Maschine, hörte sich für mich nach Spaß an. Wenn ich jetzt daran zurückdenke muss ich mir eingestehen, dass ich vielleicht schon immer Daten mochte aber mir dessen nie bewusst war und erst als ich auf die Uni ging und selbst mit Daten gelernt habe zu experimentieren hat sich die Flamme der Datenliebe erneut entfacht.

Und wo wir schon dabei sind, wie ich vorher schon schrieb, hatten wir sehr viel mit unterschiedlichen Daten an der Uni zu tun und die meisten davon waren ziemlich faszinierend. Ein Projekt blieb mir besonders in Erinnerung. Es war nichts Weltbewegendes oder Kompliziertes, aber für eine Sache war es genau richtig – es zeigte mir, dass man Daten überall finden kann, dass man aus allem ein Forschungsprojekt gestalten kann und dass man nur durch die eigene Phantasie eingeschränkt ist. Was auch ganz nett ist, denn Datenbearbeitung ist ja eigentlich für trockenes Wissen und Mathe bekannt.

Natürlich sind die Ergebnisse jeglicher Projekte nur so imposant wie das Ausmaß und der Bereich der gewählten Recherche es erlauben, aber das ist gut so, alle Arten von Einsichten zählen. Das besagte Projekt war eine Teststudie die uns während einer Vorlesung vorgestellt wurde und es ging dabei um die Benennung von Wohnungsbauinvestitionen in unserer Stadt. Ein ziemliches Nischenthema würde ich sagen, aber ich wollte trotzdem mehr darüber erfahren. Bei dem Projekt ging es darum die Namen aller neuen Investitionen aus einem bestimmten zeitlichen Rahmen zu sammeln und auszuwerten. Was dabei rauskam war ein kurioser Einblick in eine mir völlig fremde Welt und in die Weise wie unsere Stadt findet, dass man Nachbarschaften benennen sollte.

Ich weiß nicht ob man unbedingt wissen muss was für Sorten von Namen solche Immobilien bekommen, alles von Straßennamen, Naturnamen bis hin zu fremdsprachigen Namen, oder dass jemand dachte es wäre klug eine Wohnsiedlung ‘Silence House’ (originaler Name) zu nennen, aber so wirklich ist das überhaupt nicht wichtig. Mehr als den Inhalt selbst schätze ich diese Studie dafür, dass sie ein Beispiel für die Welt der Recherchemöglichkeiten darstellt, die in dem Chaos von atomisierten und scheinbar unwesentlichen Informationen zu finden sind. 

Zu guter Letzt wollte ich noch irgendeine große Studie oder Bericht vorstellen, bei dem es um irgendeine wichtige, globale Angelegenheit geht. Das Pew Research Center ist gut für sowas, obwohl es bei deren Berichten meist um amerikanische Datensammlungen geht. Um verschiedene internationale Statistiken zu generieren kann ich Statista empfehlen, eine gute Quelle für akademische oder geschäftliche Zwecke, oder wenn man Trivia sucht, mit der man angeben kann. Ich habe viele andere Statistik-Webseiten und wissenschaftliche Artikel gefunden, aber nichts wofür ich mich entscheiden wollte, ich wollte nämlich etwas wirklich Spezielles finden. Und da fiel mir ein, im Zweifelsfall sollte man immer darauf zurückgreifen, was man gerne mag – und für mich heißt das eigentlich fast immer der Herr der Ringe.

Und tatsächlich, es gibt eine sehr detaillierte und komplexe Webseite welche die Welt von Mittelerde von einer komplett neuen Perspektive zeigt, durch interaktive Karten, Timelines, und was für diesen Artikel am wichtigsten ist, Statistiken. Diese Operation nennt sich LOTR Project und ist das fehlende HdR-Stück in der Mosaik meines Nerd-Dasein was mir fehlte, obwohl ich es nichtmal wusste. Ich hab ja alle Bücher und den Merch und ich hab mich in der Schule auch das eine Mal als Gandalf verkleidet, also müsste es eigentlich klar sein, dass eine datengesteuerte Interpretation von Tolkiens Universum perfekt dazu passt.

Es gibt auf der Seite Diagramme die Daten bezüglich der eigentlichen Figuren in den Büchern darstellen, einschließlich der Lebenserwartungen der verschiedenen Rassen und wer am meisten Kinder hatte (und es war Samwise, der alte Schlingel), aber auch eine ganze Rubrik mit Daten über die Bücher selbst. Also Sachen wie eine Suchmaschine für die Frequenz von Schlüsselwörtern im Silmarillion, dem Hobbit und jedem Teil der Trilogie, die genaue Anzahl und Dichte der Wörter, wie auch so etwas wie Schlagwortwolken und Visualisierungen der Kapitellängen. Ich weiß, nicht jeder wird das interessant finden, aber ich muss sagen ich bin gerade so ziemlich aus dem Häuschen.

Was so wunderbar an diesem Projekt ist sind nicht nur die Hingabe und Detailarbeit die hinter jedem Diagramm und jeder Statistik stecken, die dem herrlichen Mythos von Mittelerde komplett neue Dimensionen verabreichen, sondern auch das es erneut zeigt wie und wo man große Datensammlungen finden und daraus auch noch unglaublich interessante Schlüsse ziehen kann. Auf der Seite gibt es auch noch einen Blog mit vielen Artikeln über Tolkiens Werke und ich hab dort schon auch das eine oder andere gelernt, also kann ich nur empfehlen da mal vorbei zu schauen. Ich bin ein großer Befürworter von Fanarbeit allgemein, aber besonders wenn die Ergebnisse so praktisch und gleichzeitig liebevoll magisch sind.

  1. Ein bestimmtes Beispiel für sehr coole Daten

Hier sind wir nun, am Ende aller Dinge – oder nur am Ende dieses Artikels. Der letzte, aber auch extrem wichtige Aspekt des von mir gewählten Themas über den ich noch gerne schreiben würde sind datengetriebene persönliche Aufzeichnungen. Ich weiß, das klingt schon wieder komisch, aber gebt mir bitte eine Chance.

Solange ich zurückdenken kann war ich immer schon ein sehr eifriger Tagebuch-Schreiber, aber an irgendeinem Punkt wollte ich etwas das ein bisschen genauer, bisschen regulärer, weniger weitschweifig und ein bisschen messbarer ist. Ich war zu der Zeit auch ständig traurig und wollte prüfen ob ich nicht depressiv bin, ich dachte ich könnte das tun indem ich komische pseudo-wissenschaftliche Selbstexperimente mit Excel durchführe. Also habe ich vor ein paar Jahren eine Tabelle angelegt wo ich verschiedene Variablen die mein Leben betreffen verfolge, einschließlich Gemüt, Sport, Reisen und Ähnliches. In der Zwischenzeit ist das zu einer ziemlich umfangreichen Datei gewachsen, mit mehreren Spalten die ich jeden Abend auszufüllen habe.

Ich dachte ich wäre der einzige Mensch der sowas macht, was auch die etwas erstaunten Blicke bestätigten, die ich von Menschen erhielt mit denen ich mein Projekt teilte. Dann aber stellte sich heraus, dass es tatsächlich einen Namen für das gibt, was ich da tue, dass die Vermessung des eigenen Lebens auf verschiedenen Wegen wirklich ein Ding ist. Die generelle Bezeichnung ist Selbstvermessung, obwohl im Deutschen, soweit ich das nachvollziehen kann, meistens die englische Variante Self-Tracking benutzt wird. Es gibt noch viele andere Begriffe, ich übersetze sie mal kurz aus dem Englischen: Lebensaufzeichnung, Quantifiziertes Selbst (wie klobig das auch klingen mag, vielleicht ist der Originalbegriff besser bekannt – Quantified Self), persönliche Analytik, persönliche Informatik, Selbstüberwachung und Selbstoptimierung. Zu guter Letzt noch eine Definition aus dem Oxford English Dictionary, auch übersetzt von mir, da der Duden hierzu keinen Eintrag hat: “Die Praxis der systematischen Aufzeichnung von Informationen über die eigene Diät, Gesundheit oder Aktivitäten, typischerweise mithilfe eines Smartphones, um Verhaltensmuster zu entdecken, welche angepasst werden können um das physische oder mentale Wohlsein zu verbessern.”

Ganz kurz am Rande: ich war, und bin immer noch, so stark an dieser Praxis interessiert, dass ich tatsächlich darin promovieren wollte. Ich habe mich mit einem Forschungsvorschlag beworben, wo ich die Geschichte und Auswirkungen des Self-Trackings erläutert habe, was wahrscheinlich zu einer ganz netten Doktorarbeit geworden wäre – aber ich hab im Interview vollkommen verkackt. Viele Fehler lagen bei mir, ich schäme mich auch nicht das zuzugeben. Dazu kam noch, dass die Boomer-Professoren es gar nicht so amüsant fanden als ich wohl angedeutet habe, dass irgendein polnischer Heldendichter oder so Self-Tracking betrieben hat, indem er Tagebuch führte. Die Professoren in der Jury haben wortwörtlich darüber gehöhnt, was ich auch verstehe, vielleicht hätte ich das in dieser Situation nicht vorschlagen sollen, obwohl ich total Recht hatte (qualitatives, oder deskriptives, Self-Tracking ist immer noch Self-Tracking).

Das Thema solcher Datenprojekte finde ich unglaublich faszinierend. Heutzutage wird es ja am ehesten mit Fitbits und Schrittezählen verbunden, oder mit Freaks die wirklich jeden Aspekt ihres Daseins messen, aber eigentlich ist es ein sehr vielfältiger und aufregender Forschungsbereich, der zusätzlich noch ein Mittel für die Erlangung persönlichen Nutzen ist. Menschen haben wahrscheinlich schon über Jahrhunderte verschiedene Facetten ihres Lebens selbstüberwacht, obwohl das Thema erst mit der Einführung von technischen Lösungen der letzten Jahrzehnte wirklich Gestalt angenommen hat.

Die Geschichte des technologisch unterstützten Self-Trackings beginnt am Ende des XIX Jh. mit der Einführung der medizinischen Waage in den USA. Dank dieser wurde das erste Mal Gesundheit in Zahlen gemessen. Aus diesen wurden dann später öffentlich zugängliche penny scales, die einem das Körpergewicht mitteilten, nachdem man logischerweise einen Penny eingeworfen hatte. Für sie wurde mit solchen tollen Sprüchen geworben wie: ‘Reduzieren Sie ihr Gewicht mithilfe dieser neuen wissenschaftlichen Methode!’. Dann wurde die Waage kleiner und sie wurde fester Bestandteil der Ausstattung vieler Wohnhäuser, wo sie fortgehend Methoden der Vermessung der Gesundheit förderten, mit solchen Sprüchen wie: ‘Die Waage sagt die Wahrheit über Ihre Figure/über die Gesundheit Ihrer Familie’. Und ja, es gibt auch amerikanische Vintage-Werbungen in der Hausfrauen abgebildet sind die sich mit erstaunten Gesichtern selber wiegen.

Heutzutage gibt es Apparate die fast alles messen, einschließlich aber nicht begrenzt auf: Standort, Gesundheit, Bewegung, Schlaf, Diät, Gemüt, soziale Interaktionen, Verhalten in sozialen Netzwerken, PC-Nutzung, Fahrgewohnheiten, Ausgaben, Produktivität, Umweltfaktoren, das volle Programm. Eine wahrhaftig wilde Welt und eine die es sich meiner Meinung nach lohnt kennenzulernen. Auch deswegen weil es dazu mehrere wissenschaftliche Beiträge gibt, und sogar ein Quantified Self Institute in San Francisco, also besteht da ziemlich großer Raum um was Neues zu erfahren.

Aber ich habe nicht unbedingt aus wissenschaftlichen Beweggründen mit Self-Tracking angefangen und das ist auch nicht der Grund warum ich es bis heute noch mache. Eigentlich mache ich mir so ziemlich keine Gedanken mehr darüber warum ich es überhaupt tue, es ist einfach zur Gewohnheit geworden. Und ich sammle und analysiere gerne die Daten des ganzen Jahres um Silvester rum, schreibe einen kleinen Bericht für mich selbst und kann meine Fortschritte über die Jahre ein bisschen verfolgen. Also ist eigentlich das dass ich Spaß dran habe mit einer der Hauptgründe warum ich mich damit beschäftige.

Aber habe ich denn überhaupt etwas Nützliches dabei gelernt? Ich habe nicht herausgefunden ob ich depressiv bin, denn, egal wie wohlmeinend der Versuch auch war, sowas kann die eine Tabelle nicht sagen, da muss man zu einem Spezialisten gehen. Ich glaube auch nicht dass sich mein Leben stark verändert hat seitdem ich damit angefangen habe, außer das ich halt jeden Abend zwei Minuten in die Ausfüllung von ein paar Spalten investieren muss (was ich manchmal nicht mache und dann zwei Wochen oder so nachholen muss, aber egal).

Aber es ist dennoch irgendwie eine Bereicherung, außer das es nur Spaß macht. Es ist ein Weg am Ball zu bleiben wenn ich mir irgendwelche Ziele setzte und ich kann auf einen Blick sehen wofür ich alles dankbar sein kann. Selbst wenn sich ein Jahr scheiße anfühlt kann ich genau nachzählen wie glücklich ich war, oder wie viel ich reisen konnte, und was auch immer sonst in meinem Tracker so steht. Es ist eine sehr spezielle Art von Self-Care, finde ich, besonders weil es auch eine Möglichkeit ist kurz und knapp schöne Erinnerungen oder Ereignisse die ich sonst vielleicht vergessen würde niederzuschreiben. Jeder Tag ist mit ein paar Zeilen Text versehen, einem Verweis das ich wieder einen Tag auf der Erde verbringen durfte, was dazu führt dass jeder Tag auch irgendwie zählt. Natürlich habe ich dank dieser Datei auch eine Quelle die es mir erlaubt zu prüfen wann genau etwas passiert ist, was ich schon mehr als einmal eingesetzt habe um zu beweisen dass ich Recht hatte, als ich mit Freunden über die Vergangenheit diskutiert habe.

Na gut. Das war also ein sehr kurzer Einblick in die Welt des Self-Trackings und wie und warum ich es benutze, es gibt noch viel mehr herauszufinden, auch für mich. Aber ich kann voll verstehen warum manche Leute so fasziniert davon sind. Besonders wenn jemand sich sowieso für Daten interessiert, dann ist es leicht ein bisschen besessen von der Vermessung des eigenen Lebens zu werden. Ich würde es niemandem empfehlen eine zwanghafte Leidenschaft für Self-Tracking zu entwickeln, aber es sich mal anzuschauen oder sogar auszuprobieren kann sicher nicht schaden.


So, hier ist nun wahrhaftig das Ende. Ich habe mit diesem Artikel wirklich kaum das Thema ‘Daten’ angeschnitten, aber zumindest konnte ich ein paar spannende Sachen teilen und ein bisschen auf die Führung persönlicher Aufzeichnungen eingehen, welches über Tagebuchschreiben hinausgeht.

Es gibt noch so viel dazu zu sagen und es ist bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich datenbezogene Sachen in meine Artikel einbaue. Außerdem war es mir ein Vergnügen ein paar positive Sachen darüber auszudrücken. Ich bin nicht der wissenschaftlich bewanderteste Mensch, ich tue es mir auch manchmal schwer mit katastrophischen Visionen darüber wie AI die Welt übernimmt, aber wie mit allem, es gibt gute und schlechte Seiten, sogar wenn es um Daten geht. Und ich freue mich dieses eine Mal ein bisschen von den guten Seiten zu schwärmen.

Wie dem auch sei, ich kann nur jedem empfehlen sich so oder so ein bisschen mit Daten auseinanderzusetzen. Nicht nur weil es ein unumstrittener Teil des Lebens im digitalen Zeitalter geworden ist, sondern weil es auch einfach ein netter Zeitvertreib ist. Egal ob es nun Statistiken über die fiktive Lieblingswelt oder eine systematische Aufzeichnung der eigenen Existenz werden – es ist mit Sicherheit eine intellektuelle Achterbahnfahrt.


Einleitung:

  1. Duden, Daten, https://www.duden.de/rechtschreibung/Daten
  2. Duden, Wert, https://www.duden.de/rechtschreibung/Wert
  3. Word Associations Network, https://wordassociations.net/en
  4. Related Words, https://relatedwords.org/
  5. Visuwords, https://visuwords.com/
  6. Rezo ja lol ey, Die Zerstörung der Presse, https://www.youtube.com/watch?v=hkncijUZGKA&ab_channel=Rezojaloley
  7. Rezo ja lol ey, Die dümmsten und lustigsten Reaktionen, https://www.youtube.com/watch?v=JA3yqXGSi0k&ab_channel=Rezojaloley
  8. ZAPP – Das Medienmagazin, Medienkompetenz: Journalismus in der Pflicht | ZAPP | NDR, https://www.youtube.com/watch?v=GbvKxvXgR5I&feature=youtu.be&ab_channel=ZAPP-DasMedienmagazin

Was Daten cool macht:

  1. Wikipedia, Informationsdesign, https://de.wikipedia.org/wiki/Informationsdesign

Beispiele cooler Daten:

  1. Wolfram Alpha, https://www.wolframalpha.com/
  2. Olender K., Semantyka inwestycji mieszkaniowych we Wrocławiu, Teststudie, unveröffentlicht
  3. Pew Research Center, https://www.pewresearch.org/
  4. Statista, https://www.statista.com/
  5. LOTR Project, http://lotrproject.com/

Ein bestimmtes Beispiel für sehr coole Daten:

  1. Oxford English Dictionary, Self-tracking, https://www.lexico.com/definition/self-tracking
  2. Crawford K. et al., 2015, Our metrics, ourselves: A hundred years of self-tracking from the weight scale to the wrist wearable device, in: European Journal of Cultural Studies, Vol. 18(4-5)
  3. Lupton D., 2014, Self-tracking cultures: towards a sociology of personal informatics, in: University of Canberra Research Publication Collection, Faculty of Arts & Design
  4. Quantified Self, https://quantifiedself.com/

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