Deutsches Design

In einer Sache ist Deutschland genau wie Käse mit Marmelade essen – es erweckt viele verschiedene, wenn auch manchmal widersprüchliche Gefühle. Meiner Erfahrung nach kann man im selben Atemzug fürs Deutschsein gemobbt werden und dann aber hören wie schön es doch wäre einen BMW zu besitzen. Doppelmoral mal beiseite gelegt, gehen wir über zum Positiven, denn es gibt auch Dinge die allgemein an Deutschland geschätzt werden. Technik, Waschmittel, Süßigkeiten und Bier, und das altbekannte deutsche Pflichtbewusstsein und die Pünktlichkeit (DB vielleicht mal ausgenommen). Diese Wertschätzung unterschreibe ich mit beiden Händen, besonders wenn es um’s deutsche Design geht. Aber nicht in Bezug auf Autos oder Kleidung, sondern eher im weiteren Sinne, so wie ich’s an der Uni gelernt habe.

Wie es mir nämlich erklärt wurde, und wie es bis heute noch in meinem Bewusstsein am meisten heraussticht ist folgendermaßen: es war eine Vorlesung über keine Ahnung was und es gab eine Präsentation und uns wurden Fragen über bestimmte Gegenstände gestellt – welches dieser Produkte sind Designprodukte? Auf einer Seite war irgendein komischer Stuhl, der wohl schick sein sollte, und auf der anderen eine Büroklammer. Die meisten von uns, noch untrainiert im Wissen der großen Kommunikologen und Gestalter, wählten den Stuhl als ‘Designer Objekt’, obwohl es tatsächlich die Büroklammer sein sollte.

Denn die Büroklammer ist nämlich die Lösung eines Problems. Es ist das Ergebnis eines Prozesses, bei welchem es darum geht sich mit einer Sache auseinanderzusetzen – in diesem Fall wie man Papier nicht auf ewig verbindet – um ein anwendbares, funktionierendes Resultat zu produzieren – ein kleines, verbogenes Stück Draht. Die Geschichte der Büroklammer ist eigentlich ziemlich interessant, das erste Patent für eine Urform dessen wurde schon in Jahr 1867 angemeldet, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. Heute geht es um Design und um die coolen Dinge die dabei zustande kommen können, mal abgesehen von teuren Produkten die normalerweise mit dem Begriff verbunden werden.

Zwei kurze Definitionen noch um diese Einleitung zu vollenden und dann geht’s um die eigentlichen Dinge. Vorweg, wann immer ich mich für etwas interessiere, greife ich als aller erstes zum Wörterbuch um mich ins Thema einzuarbeiten und hier wird es nicht anders sein. Design ist die “formgerechte und funktionale Gestaltgebung und daraus sich ergebende Form eines Gebrauchsgegenstandes o. Ä.; Entwurf[szeichnung]”, sagt der Duden und da stimme ich zu. Es gibt natürlich noch mehr Wege wie man das ausdrücken kann, aber belassen wir es mal dabei. Eine andere Definition habe ich in einem Handbuch mit dem Titel Design Basics gefunden und dort steht: “Design ist im Wesentlichen das genaue Gegenteil von Zufall.” Das ist doch ein netter Satz und zutreffend ist er auch, denn im Grunde beschreibt er ja die Angelegenheit ziemlich genau.

Gestalten bezieht sich also ein bisschen auf alles: das Konzept, den Prozess und das Ergebnis der Planung bestimmter Dinge. In diesem Kontext, mit dieser Idee im Hinterkopf, würde ich gerne drei deutsche Projekte vorstellen die meines Erachtens ziemlich gut gestaltet sind. Warum habe ich nur deutsche Designs gewählt? Na ja, wenn ich ehrlich bin, dann fand ich eben genau diese interessant und sie sind alle deutsch und es ergab Sinn sie in einen Text zu stecken. Keiner der Projekte würde einen ganzen Artikel ausfüllen, aber ich wollte trotzdem über sie schreiben, so was in die Richtung. Hier sind sie also, ohne lange zu Schnacken, drei coole Beispiele für deutsches Design.

  1. Funk

Jeder der mich länger als einen Monat kennt hat mich schon mal darüber reden hören, weil ich dieses Projekt einfach wirklich mag. Nicht nur weil es praktisch für meine demografische Gruppe gemacht ist, sondern weil es einfach generell gut gemacht ist. Es ist das “Content-Netzwerk für 14-29 Jährige von ARD und ZDF”, also dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Im Großen und Ganzen sind es einfach viele, im Internet verstreute Inhalte die vom ÖRR betreut werden.

Vorab, ein bisschen über die Medienlandschaft in Deutschland. Die meisten kennen es wohl, zumindest die, die diesen Text auf Deutsch lesen, aber kurz zusammenfassen würde ich es trotzdem gerne. Eigentlich zeichnet sich die deutsche Medienwelt dadurch aus, dass sie größtenteils vertrauenswürdig ist. In Bezug auf die öffentlichen Medien jedenfalls, besonders im Vergleich zu ähnlichen Institutionen in anderen Ländern. Ich weiß, ich weiß, Medien in Deutschland sind auch schlimm und so weiter und so fort, mit Klatschzeitungen und verwerflichen Verhalten. Aber es ist noch lange nicht so schlimm, besonders, wie gesagt, der ÖRR. Die haben halt ihren Programmauftrag, Bildung, Information und Unterhaltung und den erfüllen sie ziemlich erfolgreich, soweit ich das beurteilen kann. Sie scheinen mir so gut es geht ausgeglichen zu sein und im Endeffekt bieten sie werbefreie, qualitativ anständige Inhalte. Manchmal wird das für selbstverständlich gehalten, wie ich in einem Journalismus-Kurs in Deutschland erfahren habe. Ich (in der Rolle als polnischer Austauschstudent) und eine Freundin aus Kroatien haben in der Vorlesung angemerkt, dass ‘hey Leute, nicht alle öffentliche Medien in jedem Land versuchen so unparteiisch und korrekt zu sein, sogar in Europa’, was unsere Kommilitonen geschockt hat. Und zwar nicht weil diese keine Ahnung hatten, ganz im Gegenteil. Ich denke es ist einfach leicht gute Dinge, wenn man an sie gewöhnt ist, nicht mehr wertzuschätzen, und ich kann’s keinem Übel nehmen.

Einen Aspekt den es noch anzuführen gilt ist die Art von Inhalten den der ÖRR produziert. Diese sind halt nämlich… spezifisch. Deutsch, wie man’s kennt. Dokus, politische und philosophische Debatten, Familienkino, Retro-Serien, einen Berg an Nachrichten, solche Dinge. Hinzu kommt Web 2.0 und was man am Ende hat ist ein steuerfinanzierter, öffentlicher Rundfunkdienst der von einem großen Teil der Gesellschaft überhaupt nicht konsumiert wird – jungen Leuten. Millennials, Gen-Z, wie auch immer man sie nennen mag, sie schauen kein öffentlich-rechtliches Fernsehen mehr, viele sogar gar kein lineares Fernsehen überhaupt. Was eigentlich ja kein Problem ist, außer man ist eine nationale Rundfunkanstalt (oder zwei) deren Mission es ist jedem Bürger wertneutrale, werbefreie, bildungsorientierte und unterhaltsame Inhalte zu gewährleisten. 

Und hier wären wir auch endlich beim Design angekommen. In einer ‘Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg zum Propheten.’-artigen Wendung hat der ÖRR entschieden Content für junge Leute zu machen, aber so dass diese auch wirklich was davon haben. Mit steigender Nachfrage schon in den Jahren 2011/12, und mit vielen Hürden die es unterwegs zu überspringen gab, wurde am 1. Oktober 2016 das Content-Netzwerk funk gestartet. Schon vom Namen selbst, bis hin zur Struktur und Funktionsweise scheint es wirklich für junge Menschen gemacht zu sein. Das Ganze ist auch nur Online verfügbar und komplett nicht linear. Es gibt natürlich eine Website, aber diese ist eigentlich nur eine Liste der Formate und ein paar FAQs. Der ganze Inhalt von über 100 Programmoptionen befindet sich auf verschieden Plattformen, YouTube, Instagram, was auch immer. Funk produziert oder betreut unzählige Formate, Creators, Shows und sogar eine Snapchat-Serie (die es so bisher noch nicht gab, wenn ich mich nicht irre), welche es in der Zwischenzeit zur 16. Staffel geschafft hat, und ich meine, okay, aber auch wow.

Funk hat eine große Auswahl an Content für seine Zielgruppe und hat dafür gesorgt wirklich alle Grundlagen abzudecken. Ich persönlich interessiere mich mehr für YouTube Influencer und die eine oder andere Reportage, aber im Programm gibt’s wirklich von allem etwas, von Kochen und Sexualkunde, internationalen Sachverhalten, Wissenschaft, Sketch Comedy, Dokus, Talkshows, bis hin zu Sängern, Fotografie und echten Serien die Preise gewinnen und so. Anstatt rumzumeckern dass ‘die heutige Jugend’ haben sich die Produzenten von funk einfach an eine Lösung gesetzt. Das Netzwerk ist genau so wie es sein sollte für ihre gewählten Empfänger. Von jungen Menschen für junge Menschen. Es ist dynamisch und anpassbar und ein guter Weg die versprochenen Programmaufträge für jeden Bürger umzusetzen. Ich weiß, dass klingt alles sehr über-begeistert, aber warum sollte nicht jeder Zugang zu werbefreien, qualitativ hochwertigen Inhalten haben? Besonders wenn die Leute die sie gestalten anscheinend eine Ahnung davon haben?

Natürlich ist nicht alles so perfekt wie es scheint, aber das war zu erwarten. Das Netzwerk selbst, so wie einzelne Creator, müssen von Zeit zu Zeit Kritik einstecken. Nicht nur weil sie im Internet agieren, Zeug für Leute machen und es einfach zu den Zeichen der Zeit gehört, sondern weil es auch um Geld geht. Die Produktionsteams müssen ja irgendwoher finanzielle Mittel erwerben, und sie tun dies durch Steuergelder, was vielen Menschen anscheinend nicht in den Kram passt. Ich kann es auch verstehen, die Rundfunkgebühr ist nicht gerade umsonst, man kann ihr nicht entweichen (selbst wenn man keine öffentlichen Medien konsumieren will) und ein gewisser Betrag wird auch an das Jugendnetzwerk weitergeleitet. Und natürlich werden sich dann Leute beschweren und die Berechtigung und Notwendigkeit der Inhalte hinterfragen. Geschmacklose Witze von Moderatoren, fragwürdige Sketche, informative Instagram-Posts die Fehler enthalten oder zu tendenziös erscheinen, alles ist dabei und manches davon ist wahrscheinlich sogar gerechtfertigt. Natürlich kann man überall Verbesserungspotenzial finden, aber dennoch finde ich, dass funk sich trotzdem lohnt.

Was viele anscheinend vergessen ist dass das Netzwerk eine sehr bestimmte Zielgruppe ansprechen will. Viele Steuerzahler werden nicht unbedingt verstehen warum selbstironische Sketche über ‘komische Jugendsprache’ lustig sind, warum sie Teil des Zeitgeistes sind und warum es schon seine Richtigkeit hat, dass diese vom ÖRR unterstützt werden. Aber das ist okay, schließlich sind sie nicht als Empfänger gemeint. Was auch immer man über funk sagen will, es ermöglicht das Entstehen von Content ohne Werbung und im Rahmen bestimmter Aufträge für eine Gruppe an Menschen die genau das gleiche Recht darauf haben, dass man für sie Medien gestaltet, wie jeder andere auch. Funk ist nicht wirklich sichtbar als Eigenmarke, man weiß sogar nicht immer genau dass man eine von ihnen unterstützte Produktion konsumiert, und am Ende des Tages ist es einfach cooler und guter Content – in den meisten Fällen wenigstens. Und auf der Design-Ebene ist es ein wunderbares Beispiel wie wichtig Mitgefühl im Gestaltungsprozess ist und wie das Verständnis der eigenen Ziele und Zielgruppe dazu führt ein erfolgreiches Ergebnis zu erlangen. Unterm Strich ist es eine verdammt geile Sache und der Inbegriff der Weisheit die ich als Motto für meinen Blog gewählt habe – wenn dir das Leben Zitronen schenkt, na, dann weißt du was zu tun ist.

  1. Der Rote Faden Hannover

Ein anderes cooles Ding, und wahrscheinlich schneller zu beschreiben als ein ganzes Mediennetzwerk, ist der Rote Faden in Hannover. Ganz kurz gesagt ist es eine Art Besichtigungs-Hilfe in der Form eines roten Fadens der durch das Zentrum von Hannover führt. Und Hannover, na ja, ist eine große, deutsche Stadt. Ich habe über diese Besonderheit durch Zufall erfahren, als ich meinen Bruder dort besucht habe. Ich bin dieser Typ Reisende, der nicht wirklich weiß wo’s hingeht und eher vor Ort herausfindet, was es so gibt. Ich war auch noch nie zuvor in der Hauptstadt von Niedersachsen und so wusste ich nicht was auf mich zukommt – außer halt große, deutsche Stadt. Und nicht, dass ich jetzt etwas gegen Hannovers Schönheit oder Einzigartigkeit sagen will, aber die Stadt kam mir schon bekannt vor, im Sinne von das es eine Ansammlung von alten und neuen Gebäuden ist, mit einem Fluss dazu (der auch noch ‘Leine’ heißt), ein paar Parks, süße Cafés, teure Restaurants, das volle Programm.

Und dann kam plötzlich dieses geniale, urbane Zubehör zum Vorschein. Ich habe noch nie so etwas vorher gesehen, obwohl ich es eigentlich hätte sehen können, denn die Idee wurde dem Freedom Trail in Boston nachempfunden, was auch ein Faden ist, der durch die Stadt führt. Jedenfalls, wie Hannover es eingeführt hat ist folgendermaßen: eine auf dem Asphalt gestrichene, rote Schleife die an 36 Sehenswürdigkeiten in der Stadt vorbeiführt. Der Faden wurde im Jahr 1970 gemalt und nach 50 Jahren sieht er immernoch gut aus (obwohl man höchstwahrscheinlich in der Zwischenzeit schon ein- oder zweimal wieder nachgepinselt hat). Ihn zu nutzen ist auch unglaublich einfach. Einerseits kann man einfach drauf loslaufen oder man kauft sich im Touristenbüro für einen oder zwei mickrige Euro ein kleines Papierheft in dem alles beschrieben steht, so habe ich es auf jeden Fall gemacht.

Was mir an diesem Projekt gefällt ist nicht nur wie einfach und simpel, sondern auch wie erinnernswert es ist. Und wieder, nichts gegen Hannover, aber wenn es nicht für dieses eine Merkmal wäre, würde ich mich nicht mehr daran erinnern können, wir die Stadt aussah. Es ist einfach so bemerkenswert so etwas auf dem Bürgersteig zu haben, ein bisschen so als würde man irgendeine Regel brechen, weil solche Linien gibt es ja normalerweise auf den Straßen nicht. Das Ganze gibt einem auch ein wenig das Gefühl einer Schnitzeljagd und die Informationen in dem Führer sind sehr kurz und bündig verfasst, weshalb sie angenehm zu lesen und zu teilen sind. Was natürlich nicht heißt, dass ich mich an irgendetwas davon erinnern kann, aber zu der Zeit hat es viel Spaß gemacht und es war eine sehr produktive und selbstbestimmte Art einen Nachmittag zu verbringen.

Ich kann es nachvollziehen wenn Leute lieber durch Städte geführt werden und ihnen erzählt wird was genau wo und wann geschah, aber dann ist man immer an seinen Reiseleiter und an seine Gruppe gebunden. Auf diese Weise kann man sein vollkommen eigenes Ding machen und dabei trotzdem die Sicherheit einer geplanten Route genießen. Man hat alle Vorteile vom Alleinsein und alle Vorteile vom nicht-vorplanen-müssen, nett eingepackt in ein visuell anregendes und funktional spannendes Erlebnis. Das ist ziemlich gutes Service, User Experience und Urban Design, wenn man mich fragt und als Kirsche auf dem Sahnehäubchen kann ich noch dazu sagen, dass der ganze Weg barrierefrei ist. Also: cool, simpel, einfach, zugänglich und irgendwie auch eigenartig – was kann man sich als Tourist von einer Stadt in der man ein Wochenende oder so verbringt eigentlich sonst noch wünschen?

Manchmal denke ich noch an den Roten Faden zurück und ich versuche mir vorzustellen wie es wäre, wenn es das in weiteren Städten gäbe. Einerseits wäre es ja ganz nett, denn so ein Faden ist schon hilfreich wenn man sich eine Stadt anschauen will, aber andererseits wäre es ja dann garnicht mehr einzigartig. So wie es ist, bleibt Hannover für mich, als Kuriositäten-Liebhaber, immer besonders, weil man durch eine normale, europäische Stadt auf unnormale Weise geleitet werden kann. Und obwohl das nur was kleines ist, und nicht mal übertrieben aufregend, finde ich, dass es trotzdem einfach eine echt geile Idee ist.

  1. Trink-Genosse

Bei dem letzten Projekt kann ich nur sagen, dass nicht besonders viel darüber weiß, aber es trotzdem so überzeugend klingt, dass ich es hier mit einbeziehen wollte. Es geht um Trink-Genosse, eine genossenschaftliche Bar in Köln die eine alternative Wirtschaft gestaltet, bei der es um demokratische Werte und Zusammenarbeit geht. Klingt beim ersten Eindruck ein bisschen abgehoben, aber worum es letztendlich geht ist dass ein paar Leute eine Idee hatten und diese in ein funktionierendes Werk umsetzen wollten. Das Team hat eine Bar eröffnet in der man Eigentümer, Mitarbeiter und Gast ist und man Raum hat um sich mit Menschen auszutauschen. So wie ich das verstanden habe lag die Grundidee darin dass eine kooperative Bar entstehen sollte für Menschen deren Traum es ist eine eigene Kneipe zu führen, dies aber wegen finanziellen Umständen nicht möglich ist. Stattdessen kann man ein Trink-Genosse werden, sich der Genossenschaft anschließen und auf diesem Weg seine Träume verwirklichen.

Aber, wie das bei manchen Dingen so ist, ist die Idee irgendwie größer als das Produkt selbst. Trink-Genosse ist eher eine Community als nur eine gemeinschaftliche Bar und ich würde sogar so weit gehen und es als ‘Bewegung’ bezeichnen, aber vielleicht bin ich einfach zu ignorant um das richtig einzuschätzen. Außer einem coolen grafischen Design scheint die Bar auch funktional gut gestaltet zu sein. Die Community bietet Platz für verschiedene Vorhaben, auf verschiedenen Leveln von Seriosität, so weit ich das richtig sehe. Außerdem mussten die Genossen auch ihre Anpassungsfähigkeiten durch die 2020 Pandemie unter Beweis stellen, denn die geplante ortsgebundene Bar in Köln konnte zu der Zeit nicht eröffnet werden (obwohl es mittlerweile geklappt hat) und es musste eine virtuelle Bar ausreichen. Ich habe mich dort noch nicht beteiligt, denn anscheinend kommt der Besuch in einer virtuellen Bar dem Offline-Erlebnis ziemlich nah, zumindest für mich. Mich hat es immer schon gestresst neue Orte in der Stadt zu besuchen und wenn dieser Ort eine gezeichnete Mappe auf einer Website ist und aus einigen Chatrooms mit spaßigen Namen wie ‘Theke’ und ‘Klo-Schlange’ besteht, dann scheinen dieselben Regeln zu gelten. Aber, trotzdem, die Idee selbst. Ist die nicht einfach genial?

Was ich besonders an diesem Projekt mag ist dass die Gründer sehr offen über ihre Prozesse sprechen und sie eine Liste der ‘Praktiken des Gelingens’ erstellt haben, die nicht nur bei gemeinschaftlichen Bars anzuwenden ist. Diese Liste enthält Best Practices für Kommunikation die, wenn sich alle daran halten, zu konstruktiven und effektiven Dialog führen können. Das sind nicht unbedingt neue Ideen und die Liste wurde auf Basis von Publikationen ähnlich gesinnter Gruppen gebildet, aber trotzdem. Die Art wie die Leute bei Trink-Genosse diese Regeln aufgegriffen haben und sie verständlich und einfach auf ihrer Website darstellen ist schon bemerkenswert, meiner Meinung nach. Außer solchen Prinzipien wie ‘Ich höre aufmerksam zu’ und ‘Keine Devices im Kreis’ werden auch solche vorgestellt über die man, denke ich, viel zu selten redet. Solche Sachen wie ‘Wir teilen uns die Verantwortung’ und ‘Wir unterstellen uns eine gute Absicht’ sind ziemlich wertvoll, und auch ‘Alle geben ihr bestes – immer’ und ‘Ich frage nach dem was ich brauche’ sollte man öfter in zwischenmenschliche Beziehungen einbauen. Natürlich sind das nur die generellen Praktiken, sie werden in der Liste noch mit kurzen Erklärungen ergänzt. Ich habe die Liste unten verlinkt, ich kann nur empfehlen dort mal reinzuschauen. Aber um es nochmal kurz zusammenzufassen, diese Einstellung einen Raum zu gestalten wo die gewählten Werte in jedem Aspekt sichtbar sind, von den Grafiken bis hin zur Mechanik – das ist ein cooles Projekt.  


Na gut, hier sind wir nun, am Ende der Liste angekommen. Alle drei dieser Projekte würden wahrscheinlich nicht in die Definition von ‘Design’ eines Laien passen, obwohl sie es wohl verdient haben. Ich weiß diese Sachen sind nichts großes und nichts besonders weltbewegendes, aber sie tun das was viele andere Ideen nicht schaffen – sie funktionieren.

Und ich persönlich finde sie natürlich übelst interessant, was auch am Ende des Tages der ganze Sinn meiner Seite ist – Sachen zu teilen, die ich interessant finde. Ich bin vielleicht kein Designer, aber immer wenn es um solche Design-Geschichten geht finde ich nicht nur das Produkt oder die Dienstleistung selbst großartig, sondern auch die Möglichkeit und das Durchhaltevermögen so etwas überhaupt auf die Beine zu stellen. Das ist nun wirklich inspirierend.

Ich weiß, das klingt wieder so pathetisch, aber geht es bei Sachen spannend finden nicht genau darum? Sich inspirieren zu lassen, Emotionen und Leidenschaften zu wecken und für ein paar Momente das Gute in der Welt zu sehen? Das ist jedenfalls was in mir vorgeht wenn ich mehr über interessante Dinge, so wie die beschriebenen Projekte, erfahre und das einzige worauf ich hoffen kann ist diese Gefühle weiterzugeben.


Einleitung:

  1. Office Museum, The history of paper clips, http://www.officemuseum.com/paper_clips.htm
  2. Duden, Design, https://www.duden.de/rechtschreibung/Design
  3. D.A. Lauer, S. Pentak, Design Basics, https://books.google.pl/books?hl=en&lr=&id=Jeo8AAAAQBAJ&oi=fnd&pg=PP8&dq=design&ots=gONzIpHGoY&sig=vWXSxtraZCuhTR9X768lF_lkEOE&redir_esc=y#v=onepage&q=design&f=false

Funk:

  1. Funk, https://www.funk.net/
  2. Wikipedia, Web 2.0, https://de.wikipedia.org/wiki/Web_2.0
  3. Welt, ARD und ZDF fördern geschmacklose Inhalte mit Millionen, https://www.welt.de/wirtschaft/article163753659/ARD-und-ZDF-foerdern-geschmacklose-Inhalte-mit-Millionen.html
  4. Der Westen, Michael Schumacher: Seine Fans sind wegen dieser Geschmacklosigkeit entsetzt – geht das zu weit?, https://www.derwesten.de/sport/sportmix/michael-schumacher-id214891931.html
  5. Süddeutsche Zeitung, Heikle Verknüpfung, https://www.sueddeutsche.de/medien/polizei-satire-funk-rundfunkbeitrag-oeffentlich-rechtlicher-rundfunk-1.5005729

Roter Faden:

  1. Visit Hannover, The “Red Thread” Hannover, https://www.visit-hannover.com/Sehensw%C3%BCrdigkeiten-Stadttouren/Sightseeing/Stadttouren/Der-Rote-Faden-Hannover/Der-Rote-Faden
  2. The Freedom Trail, https://www.thefreedomtrail.org/

Trink-Genosse:

  1. Trink-Genosse, https://trink-genosse.de/
  2. Trink-Genosse, Praktiken des Gelingens, https://trink-genosse.de/praktiken-des-gelingens/#more-1774

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